Das deutsche Publikum, so hip es sich selbst auch sehen mag, ruft auch heute noch nach Inhalten. Seitenlange (Foto-)"Reportagen" brauchen ihre Entsprechung in Fakten oder politisch-kulturellen Essays. Diese Forderung löst Tempo ein. Storys aus einem Leichenschauhaus oder über die Mafia-Opfer, der hautnahe Bericht über einen Querschnittsgelähmten oder die Geheimdienste im Umfeld der libysch-amerikanischen Konfrontation sind wirkliche Lese-Artikel. Das mag das Verdienst des Spiege/-Redakteurs sein, den man engagierte.

Das Hamburger Abendblatt in einer "Zeitschriften-Kritik" vom 7./8. Juni 1986

Dahrendorf sagt ab – wg. Waldheim

Ralf Dahrendorf wird die Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele 1986, an der auch der österreichische Bundespräsident Kurt Waldheim teilnehmen wird, nicht halten. In einem Brief an den Landeshauptmann teilt der Schriftsteller und Soziologe mit, er fühle sich "außer Stande, an einer Gelegenheit mitzuwirken, die so verstanden werden müßte, als sei das Verhalten von Herrn Dr. Waldheim normal und unanstößig". Dahrendorf schreibt, er maße sich kein Urteil "über vergangene Taten oder Unterlassungen" Waldheims an. Doch nach dem "zögernden und stückweisen Eingeständnis von unerquicklichen Tatsachen" fühlt Dahrendorf sich nicht mehr an seine Zusage gebunden. Waldheim habe "es geschehen lassen, daß sein Wahlkampf auch mit der Devise Jetzt erst recht‘ geführt wurde. Mehrere unbestrittene Äußerungen von Waldheim machen klar, daß er keinen Grund sieht, das Geschehen, an dem er selbst beteiligt war, zu bedauern, geschweige denn, zu bereuen." Darin sieht Dahrendorf "die schwankende Haltung, die dem totalen Staat brauner oder roter Prägung in der Vergangenheit den Weg geebnet hat".

Wilson, Wilson & Wilson

Wenn die Not am größten wird, ist der Tröster nicht mehr weit. Zwar kann niemand garantieren, daß die nächste Theatersaison weniger finster wird als die nun bald endende, doch ein Lichtlein wird dann immer und beinahe überall brennen: ein Schauspiel von Robert Wilson. Am Hamburger Thalia Theater, mit Heiner Müllers "Hamletmaschine", wird Wilsons Deutschlandreise beginnen (Premiere Anfang Oktober). Bob begibt sich eilig fort ... um in Stuttgart ein Doppelprojekt in Szene zu setzen, "Alceste" von Gluck in der Oper, "Alkestis" von Euripides und natürlich Heiner Müller im Schauspiel. Folgt an der Berliner Schaubühne die Fortsetzung des sagenhaften "Death Destruction & Detroit"-Spektakels in Gestalt eines Kafka-Projekts. Folgen wiederum am Thalia Theater die Proben zu einem "Lear"-Projekt (nach Shakespeare und natürlich Heiner Müller), bei dessen Premiere dann freilich schon die übernächste Saison begonnen haben wird. Deutschsprachige Bühnen, die noch kein Robert-Wilson-Projekt im Spielplan haben sollten, senden ihre Bewerbungen bitte vertrauensvoll an: DIE ZEIT, Feuilleton, 2000 Hamburg 1, Pressehaus.

Oper in Leder

Eine Frage zum Einstellungsgespräch für Dirigenten, Regisseure, Intendanten, Redakteure: Wer hat mehr "Werke" für das Musiktheater geschaffen – Frederick Ashton oder Wolfgang Amadeus Mozart, Giuseppe Verdi oder George Balanchine? Natürlich liegen die Choreographen vor den Komponisten, 18:17 und 33:26. Nun muß man ja nicht alles wissen, sondern nur wissen, wo es steht. Bislang gab es ein solches Allround-Buch, das alles über das Musiktheater verzeichnet, noch nicht, obwohl doch diese Kunstsparte uns nicht nur lieb, sondern auch mit 700 Millionen Mark öffentlicher Zuschüsse weiß Gott auch die teuerste ist. Dem offensichtlichen Mangel abzuhelfen, ist einer, Enzyklopädie vorbehalten, die die Musikwissenschaftler Carl Dahlhaus (Berlin) und Sieghart Döhring (Bayreuth) herausgeben wollen: acht Bände, ab kommenden Herbst jährlich einer zum Preis von je 368 bzw. 398 Mark, 6400 Seiten gebunden in Capra-Leder. Das "größte Projekt, das sich der Verlag je zugetraut hat", nennt Ernst Reinhard Piper dieses "Lieblingskind" des Seniorverlegers Klaus Piper, dem die Idee kam, als er Mitte der siebziger Jahre den Kampf um die Tagebücher von Cosima Wagner gewann und für die Edition mit dem Bayreuther Forschungsinstitut zusammenarbeitete. Denkbar, daß die anvisierten 8000 Luxus-Kunden das 3000-Mark-Luxus-Objekt über die Luxus-Kunst erstehen wollen. Hans Zender wird Aussicht haben, seinen am 15. Juni noch uraufzuführenden "Stephen Climax" darin noch in Band 5 vorzufinden, Hans-Jürgen von Böses "Die Leiden des jungen Werthers" (schon am 30. April 1986) wird in den Hoffnungslauf des Nachtrags müssen. Für den Nachtrag zum Nachtrag freilich, nach 1992, wenn es nach Plan eigentlich mit Wotan heißen soll "Vollendet das ewige Werk!", wird man sich noch ein geeigneteres System als das der Losen oder Fliegenden Blätter aussuchen müssen.