Von Joachim Riedl

Wien, im Juni

Es war ein Abschied ohne Tränen. Als der österreichische Bundeskanzler Fred Sinowatz am Montag seinen Rücktritt bekanntgab und seinen Nachfolger, den bisherigen Finanzminister Franz Vranitzky, vorstellte, wirkte er erleichtert und nahezu frohgemut. Der Händedruck, mit dem er sein Amt übergab, kam von ganzem Herzen. Der schwergewichtige Regierungschef, der, solange er im Mittelpunkt öffentlichen Interesses gestanden war, immer auf seine Linie hatte achten müssen, feierte seinen Abgang beschaulich. Er zog sich in eine Gastwirtschaft zurück und verzehrte zwei Portionen Wiener Schnitzel.

Drei Jahre lang hatte das Regieren schwer an ihm gezehrt. Stets lastete auf ihm der Schatten seines großen Vorgängers Bruno Kreisky, der in Österreich längst zu einer Legende zu Lebzeiten geworden ist. Glücklos stolperte der Sozialist Sinowatz durch eine endlose Abfolge von Skandalen, Pleiten, Intrigen und Korruptionsaffären. Schließlich demütigte ihn der Wahltriumph des konservativen Präsidentschaftskandidaten Kurt Waldheim, der seinen sozialistischen Gegner Kurt Steyrer im zweiten Wahlgang mit einem Stimmenanteil von 53,9 Prozent deklassiert hatte.

Mit kämpferischer Entschlossenheit hatte Sinowatz in der Endphase des Wahlkampfes das Geschick von Partei und Kandidaten miteinander verknüpft. Die Niederlage traf ihn nun doppelt. Als Parteivorsitzender hatte er einen stümperhaften Wahlkampf zu verantworten. Und das Votum der Österreicher war nicht nur ein Vertrauensbeweis für den in aller Welt übel beleumundeten Waldheim, sondern gleichzeitig auch Ausdruck tiefen Mißtrauens gegenüber der Regierung und ihrer Politik.

Am Wahlabend hatte sich vor dem Palais, in dem die konservative Volkspartei (ÖVP) residiert eine riesige Menschenmenge angesammelt. Korpsstudenten warfen ihre Mützen in die Luft, Blaskapellen schmetterten Märsche und vom Balkon aus genoß Waldheim den Jubel seiner Anhänger. Endlich war der Nazi-Mitläufer und Verschweiger seiner Vergangenheit Herr geworden: Die Menge stimmte die österreichische Bundeshymne an. In den Augen der ÖVP-Führer schimmerten Tränen der Rührung. Der Bann der 16 erfolglosen Jahre in der Opposition war gebrochen.

Zu diesem Zeitpunkt tagte in der sozialistischen Parteizentrale bereits das innerste Führungsgremium. Schon Wochen vor der Wahl hatten die Spitzenpolitiker die Schmerzgrenze der erwarteten Niederlage mit 52 Prozent festgelegt. Das tatsächliche Endergebnis jedoch übertraf die schlimmsten Befürchtungen. Über die Konsequenzen des Debakels war sich die kleine Runde schnell einig.