Von Raimund Hoghe

Für Erika läuft alles "wie ein Film" ab, auch ich. Eine Fliege hätte ich immer getragen, berichtet sie begeistert und besteht darauf, daß ich ein guter Schüler war. Vorsichtiger Widerspruch und Hinweise auf nicht eben glänzende Zeugnisse können sie nicht beirren. "Im Rechnen warst du gut", erklärt sie mit Bestimmtheit. "Besonders im Kopfrechnen. Ich seh’ dich noch vor mir – bei dir gingen die Zahlen immer nur so." Ich gebe auf: eins und eins macht zwei, neun mal neun einundachtzig, achtzehn durch sechs sind drei.

Klassentreffen dreißig Jahre nach dem ersten Schultag. Die Speisekarte des Treffpunkts "Gut Röttgen" war schon bei der ersten Einladung im Januar mitgeschickt worden: Suppen und Vorspeisen für 3 bis 7,50 Mark, Hauptgerichte wie "Jägerschnitzel mit Champignons" für 13,50 Mark, dazu "wahlweise Kroketten oder Bratkartoffeln und Salatteller". Entsprechend vorbereitet, mit photokopierter Speisekarte, Klassenphoto und Einladungsblatt steige ich zur festgesetzten Zeit, "Samstag um 20 Uhr", in Wuppertal-Langerfeld aus dem Taxi. Nebenan hält ein Wagen. "Erkennst du mich?" Das Gesicht kommt mir bekannt vor, aber sonst –? "Dorothea", sagt die Fremde und geht entschlossen auf die Eingangstür zu. Ich schließe mich ihr an. In einer Ecke links vom Eingang sitzt eine Gruppe am langen Tisch: etwa zwanzig Männer und Frauen, mit denen ich ins erste Schuljahr ging. Einer zieht einen vorbereiteten Papierstreifen vom Blatt, den ich mir wie alle andern auf den Pullover klebe – "Raimund Göbel, jetzt: Hoghe". Wo ich meinen Mantel lassen könne? Im Nebenraum, wo eine zweite Klasse feiert, nach 50 Jahren.

Die Sitzverteilung ist geregelt: am oberen Tischende sitzen die zuerst Angekommenen, wer später kommt, rückt auf. Auflockerung gibt es erst später. Ich sitze neben Rita, wie das Namensschild verrät. Der Versuch, mich an sie als Mitschülerin zu erinnern, schlägt fehl. Auch mein Gegenüber Kurt, der als einziger mit Ehefrau gekommen ist ("Wir waren bei den Schwiegereltern"), löst keine Erinnerung aus. Kurts Frau wird gesiezt und findet es toll, daß wir uns treffen: "An meiner Schule wäre das nie zustande gekommen." Ich weiß nicht, was ich sagen soll, und sehe auf die jedem von uns übergebene Mappe mit Namen und Anschriften, vervielfältigten Erinnerungen und dem Auszug aus einer 1956 erschienenen Festschrift zum 50jährigen Bestehen unserer Schule. "Bald wird eine Autobahn mit Auffahrtsstrecke zum Schulnachbarn werden. Trotzdem aber wird fröhliches Kindertreiben den Schulhof erfüllen, werden weiterhin Kinder ihre Schulheimat in der Fritz-Harkort-Schule finden. Es lebe die fünfzig Jahre alte und doch ewig junge Volksschule in der Fleute! Mag die Welt sich verändern, die Heimat der Kinder bleibt!"

"Zwischendurch bin ich ausgewandert", bekennt Eckhard, "nach Schwelm, über die Grenze nach Westfalen." Auch andere, entnehme ich der Adressenliste, gingen vorzugsweise über diese Grenze. Wer nicht wie die Mehrheit in Wuppertal blieb, zog in die Nachbarstadt. So auch Michael, der als einer der Letzten kommt, dann aber nicht mehr zu überhören ist. Selbstgewiß, die grau und schütter gewordenen Haare quer über die Stirn geföhnt, erzählt er von der weiten Welt. Zu erfahren ist, daß er einmal ein Dreivierteljahr in Florida war und man Miami Beach vergessen könne: "Da sind nur alte Leute", bemerkt der heute in Schwelm erfolgreiche Geschäftsmann, winkt ab und berichtet dann noch vom BAP-Konzert, in dem er letzte Woche mit der Tochter war. "Ich hab’ mein BAP-T-Shirt angezogen – und die Texte kannte ich alle auswendig."

"Der Junge ist über den Graben gesprungen, ohne hineinzuplumpsen, er ist über den Baumstamm balanciert, er hat den richtigen Weg gefunden, sogar die Himmelsrichtung hat er ausfindig gemacht spät abends .. ., er kennt die Bäume des Waldes mit Namen, vielleicht kann er einige Wildfährten lesen, er weiß, wie eine Flöte aus Weidenholz gemacht wird, wie ein Stock richtig vertiert wird. Wie viele Dinge, die ein Jungenherz erfreuen!" lese ich unter unserem Klassenphoto und kann mich nicht erinnern, daß sich mein Jungenherz an derlei Dingen erfreut hat. Und auch jetzt, in der Männerecke, beim Gespräch über Eigenheime, Autos und Sportvereine kann ich nicht mithalten und sehe wieder auf die Namensliste, um mit einigen anderen festzustellen, daß einem zu bestimmten Namen nichts mehr einfällt.

Helmut kommt und löst Begeisterung aus. Er scheint der Clown der Klasse gewesen zu sein und wird mit Händeklatschen und lautem Hallo begrüßt. "Der Helmut!" Auch im Verlauf des Abends bleibt er der alte. Nur seine Haare sind anders als früher, nicht mehr rot und glatt, sondern braun und gelockt. Mit Sechzehn, sagt er, habe sich die Farbe verändert – "und dann sind sie auch noch kraus geworden". Ein Schmunzeln, die Stimmung lockert sich, Helmut erweist sich weiter als Stimmungskanone. Ich frage Rolf und Eckhard nach denen, die nicht zum Klassentreffen erschienen sind. Von Günter wisse man nur, daß er irgendwo in Süddeutschland lebe und eine Bäckerei haben soll, erfahre ich, Manfred sei Arzt geworden, habe kommen wollen, aber Dienst, und Detlef habe gleich am Telephon gesagt, daß er an einem Wiedersehen nicht interessiert sei – "aber die meisten waren von der Idee begeistert, genau wie du".