Als Touristen drüben

Von Rudolf Walter Leonhardt

Der Bericht über unsere DDR-"Reise in ein fernes Land" aus dem Jahr 1964 hatte angefangen mit einem Kapitelchen "Als Touristen in der DDR." Die Reise hatte im März stattgefunden; darauf folgte ein Bericht in der ZEIT, aus dem schließlich ein Taschenbuch geworden ist.

Wir hatten uns immer wieder vorgenommen, die gleiche Reise in der gleichen Besetzung zu wiederholen. Als Erich Honecker schließlich dem inzwischen zum Chefredakteur avancierten DDR-Reisenden Theo Sommer anläßlich eines Interviews sagte, der Reise stehe nichts im Wege, waren 22 Jahre vergangen. Die Besetzung konnte nicht mehr die gleiche sein, da sich Gräfin Dönhoff bei einem Unfall verletzt hatte; nunmehr waren es sechs Teilnehmer, und es wurde auch eine andere Reiseroute gewählt. Trotzdem gibt es Berührungspunkte.

Damals habe ich in unser aller Namen, versichert, daß "wir uns bei unserer Reise durch die DDR keinen Augenblick als Touristen gefühlt haben".

Diesmal habe ich mich als Tourist gefühlt, und zwar, was schlimmer ist, als privilegierter Tourist. Wobei, was die Sache wieder etwas besser macht, wir uns ganz nach DDR-Art unsere Privilegien durch Leistung verdienen mußten. Kein Tourist, der bei Sinnen ist, würde und sollte innerhalb von zehn Tagen sowohl Rostock wie Eisenach, sowohl Dresden wie Weimar, sowohl Güstrow wie Berlin auf amerikanische Europa-Abhakungstour zu "machen" versuchen. Dazu dann immer noch Gespräche, die nicht enden wollen, mit Bürgermeistern und Parteisekretären, mit Ministern und Professoren, mit Architekten und Intendanten.

Wir sind uns der Gefahr bewußt, die daraus für unseren Bericht entsteht, daß wir privilegierte Touristen waren, die beinahe mühelos Zugang zu den Spitzen von Staat und Gesellschaft der DDR fanden, die dabei natürlich auch "agitiert" worden sind, wie das in jenem anderen deutschen Staat heißt. Jeder von uns hat auf seine Weise dem gegenzusteuern versucht, ist aus dem ihr oder ihm unbehaglichen Zustand des privilegierten Touristen mit journalistischem Auftrag ausgestiegen, wann und wo immer es möglich war.

Wie sehr sich die Verhältnisse gewandelt haben, ergibt sich schon aus einem Vergleich unseres ersten Tages damals vor 22 Jahren mit dem ersten Tag diesmal. Mein Resümee damals: "Sechzehnmal an einem einzigen Tag kontrolliert zu werden..., das ist den Normalbürgern westkapitalistischer Staaten ... einfach fünfzehnmal zu viel."

Als Touristen drüben

Diesmal beschränkte sich die Kontrolle auf jenes eine Mal, das wir bei den meisten Reisen innerhalb Europas und bei jeder Reise nach Amerika in Kauf zu nehmen gewöhnt sind.

Einige von uns sind von Hamburg nach Tegel geflogen. Dort wartete eine Limousine der Interhotels, die uns in weniger als einer Stunde vom Flughafen Tegel zum Ostberliner Palasthotel brachte. Die eine Kontrolle fand an der Staatsgrenze statt. Sie dauerte, da wir, privilegiert, aus einer langen Autoschlange nach vorne gelotst wurden, nur wenige Minuten.

So etwas wie das Palasthotel gab es damals auch noch nicht. Unter den 32 "Interhotels der DDR", die in erster Linie Gästen offenstehen, die "Valuta" (auf westdeutsch: Devisen) bezahlen, halten fünf jedem internationalen Vergleich stand. Um den ersten Platz wetteifert das Berliner Palasthotel mit dem Dresdner Bellevue und dem Leipziger Merkur. (Da gibt es Konkurrenz, und das ist zwar kapitalistisch, aber gut, und zumindest bei Devisen-Ausländern auch in der DDR erlaubt.)

Wir schrieben damals: "Wenn die Regierenden in der DDR wirklich daran interessiert sind, auch Touristen ins Land zu holen – mancherlei Zeichen und mancherlei Gründe sprechen dafür –, dann müßte von den vielen tausend Plänen, die dort den Alltag beherrschen, ganz vornehm auch der gesetzt werden: mehr staatliche Hotels zu bauen."

"Wenn (das einmal geschehen ist)", so schrieb ich vor 22 Jahren, "würde ich jedem Touristen raten, nach Dresden zu fahren – wie immer man das Land, in dem Dresden liegt, dann nennen will."

Dem ist heute nichts hinzuzufügen, außer allenfalls, daß Dresden zwar einerseits durchaus gemeint war und daß ich es auch heute an die erste Stelle setzen würde; daß es jedoch andererseits als ein pars pro toto zu lesen ist und zumindest für alle die Orte gelten soll, an denen es Interhotels der DDR gibt: Weimar, Rostock, Berlin (Ost), Erfurt, Potsdam, Oberhof, Gera, Leipzig, Suhl, Magdeburg, Halle und Karl-Marx-Stadt.

Er wird dort ein Land finden, daß dem unseren ähnlicher geworden, das uns näher gerückt, das nicht mehr arm ist. Die Leute sind so gekleidet, daß sie in München oder Hamburg nicht auffallen würden; auch wenn vor allem die Damen unter ihnen sehr viel Mühe dafür aufwenden müssen. An Lebensmitteln herrscht für jemanden, der so gut wie ich auf Bananen verzichten kann, kein Mangel, solange der Verteilungsapparat funktioniert. Manchmal klemmt er, wie die Fahrstühle in den älteren Hotels, zum Beispiel im geliebten Weimarer "Elefant".

Als Touristen drüben

Einen riesigen Nachholbedarf gibt es noch im Wohnungsbau. Da bröckelt der Putz von baufälligen Fassaden; da fehlt es an Toiletten und Badezimmern; da finden sich viele noch zusammengepfercht in den Silos der sechziger Jahre, aus groben grauen Betonplatten zusammengeschustert, verglichen mit denen ein westdeutscher Wohnblock wie Hamburg-Mümmelmannsberg geradezu luxuriös wirkt. Aber das Problem ist erkannt: Wohnungsbau hat in allen Bezirken der DDR erste Priorität.

Ist uns die DDR vertrauter geworden? Nicht den Älteren unter uns, die sich 1964 doch noch ein bißchen wie im alten ungeteilten Deutschland fühlen, sich von Westdeutschlands amerikanischem Neon-Glitzerglanz erholen konnten. Es ist da in den letzten 22 Jahren, zumindest nach dem äußeren Eindruck, ein neuer Staat entstanden, mit einem neuen, einem eigenen Selbstbewußtsein. Das hat aus einem uns näher gerückten Land zugleich ein uns fremderes gemacht.