Von Theo Sommer

DDR 1964: Das war eine Reise ins Grau. Trübsal allenthalben. Versponnen und zugleich verkommen die alten Städtchen und die Dörfer, nicht mehr gewachsen seit 1939. Abgeblätterte Häuserfassaden, beklebt mit penetranten Parolen. Die Auslagen in den Schaufenstern meist staubige Attrappen, vor den Geschäften lange Schlangen. Die Menschen ärmlich gekleidet, in tristem Einheitsschnitt ohne Schick und Farbe. Müde tröpfelte der Verkehr durch die Straßen. Ein spezifischer DDR-Geruch, halb Osten, halb Armeleute, hing in den Hotelkorridoren und Hörsälen, in Amtsstuben und Restaurants, zwischen den Häuserzeilen: eine Mischung aus Lysol, zu oft gebratenem Fett, schlechtem Tabak, miserablem Benzin.

Westkontakte? Das Regime konnte ihnen damals wenig abgewinnen. Die Berliner Mauer war gerade erst zweieinhalb Jahre alt; die Parole hieß Abgrenzung, nicht Öffnung. Die SED suchte sich aus der deutschen Geschichte herauszustellen: "Deutschland ist nur noch der Name eines Hotels in Leipzig", erklärte uns das Politbüromitglied Albert Norden. Es lag noch nicht lange zurück, daß linientreue FDJ-Pimpfe über die Dächer turnten, um die "Ochsenköpfe" abzureißen: die Antennen, mit denen das West-Fernsehen zu empfangen war; die Parteimitglieder mußten einen Verpflichtungsschein unterschreiben, keine TV-Programme der Bundesrepublik anzusehen.

Und wo sich die Funktionäre im März 1964 schon aufs Gespräch mit uns einließen, taten sie dies durchweg im Gestus der Abwehr. Sie steckten, was die Gegenwart anbelangte, voller Minderwertigkeitskomplexe; so "agitierten" sie uns in einem fort auf höchst aggressive Weise. Was sie an Gewißheit und Gewißheiten zu bieten hatten, bezog sich ganz auf die Zukunft, die ja nach strammer marxistischer Lehre das kommunistische Paradies verheißt. Darüber redeten sie gern und viel, dem Heute standen sie mit leeren Händen gegenüber. Dem entsprach, was Walter Ulbricht seinen Bürgern zu bieten hatte: Appelle, die Ärmel aufzukrempeln und den Gürtel enger zu schnallen, gekoppelt mit Vertröstungen auf den Endzustand des Kommunismus, der jedem für seine Mühe reichlichen Lohn bescheren werde.

DDR 1986: Sie ist von alledem weltenweit entfernt. Es herrscht Bewegung statt Stagnation, die Zaghaftigkeit hat einer selbstbewußten Gelassenheit Platz gemacht, das Grau weicht überall freundlicheren Farben. Keine Spur von Kontaktscheu mehr bei den Funktionären. Keine Aggressivität mehr im Gespräch, nicht einmal in der Kontroverse. Keine plumpe Agitation. So ähnlich wie der Rostocker SED-Bezirkssekretär Ernst Timm haben es viele gesagt: "Damals, ja, da haben wir euch agitiert. Die Zeit ist weitergegangen, vieles ist realer geworden. Es läßt sich besser miteinander reden, wenn man den anderen Standpunkt kennt, ohne den eigenen aufzugeben."

Es gibt noch Plakate, Transparente und Propagandabanner, aber es sind viel weniger geworden. Manche sind so formuliert, daß sie den Regeln mindestens der bürgerlichen Grammatik ins Gesicht schlagen ("Fest auf dem Kurs der Hauptaufgabe"). Bei anderen stimmt es mit der Logik nicht so ganz. "Bis zur Jahrtausendwende eine Welt ohne Atomwaffen" legt jedenfalls die Erkundigung nahe, ob eigentlich danach die Kernwaffenarsenale wieder aufgefüllt werden sollen. Doch müssen wir die Losungen wohl auch nicht zu ernst nehmen. Die DDR-Bürger lassen sie noch unbeeindruckter an sich abrieseln als der durchschnittliche Bundesbürger die Fernsehwerbespots. Und parteioffiziell wird der "Transparentismus" der Übereifrigen heute eher belächelt: "Transparenz brauchen wir, nicht Transparente".

Vor allem wirkt das Land bunter, seine Menschen sind fröhlicher geworden (obwohl einer der jüngeren ZEIT-Reisenden, der die heutigen Zustände nicht aus eigener Anschauung mit den früheren vergleichen kann, rasch zu dem Urteil fand, die DDR mache einen "unfrohen" Eindruck). Zumal die Jungen sind von ihren Altersgenossen im Westen schwer zu unterscheiden; die Abiturklasse, die wir im mecklenburgischen Bad Doberan besuchten, hätte genauso gekleidet auch im Gymnasium von Bad Kissingen oder Bad Tölz sitzen können. Vieles ist regulär importiert, vieles von Verwandten mitgebracht, vieles auch einfach nachgeschneidert (westdeutsche Schnittmusterhefte sind begehrte Mitbringsel). Die Frauen nähen selber oder haben noch, wie zu Großmutters Zeiten, ihre kleine Schneiderin. Einmal traf ich auf einen Chemiker, der phantastisch sitzende schwarze Lederhosen trug – nicht Sepplhosen, sondern Jeans. Er hatte sie sich für 80 Mark von einem Studenten schneidern lassen – "der reichste Student Ost-Berlins, aber sagen Sie’s nicht weiter". Jedenfalls ist westliche Mode nicht mehr tabu. Die Forderung nach modischer Aktualität und Gestaltung hat sich sogar in die jüngste Parteitagsdirektive eingeschlichen.