Am Staate mäkeln, doch ihn tragen

Von Theo Sommer

DDR 1964: Das war eine Reise ins Grau. Trübsal allenthalben. Versponnen und zugleich verkommen die alten Städtchen und die Dörfer, nicht mehr gewachsen seit 1939. Abgeblätterte Häuserfassaden, beklebt mit penetranten Parolen. Die Auslagen in den Schaufenstern meist staubige Attrappen, vor den Geschäften lange Schlangen. Die Menschen ärmlich gekleidet, in tristem Einheitsschnitt ohne Schick und Farbe. Müde tröpfelte der Verkehr durch die Straßen. Ein spezifischer DDR-Geruch, halb Osten, halb Armeleute, hing in den Hotelkorridoren und Hörsälen, in Amtsstuben und Restaurants, zwischen den Häuserzeilen: eine Mischung aus Lysol, zu oft gebratenem Fett, schlechtem Tabak, miserablem Benzin.

Westkontakte? Das Regime konnte ihnen damals wenig abgewinnen. Die Berliner Mauer war gerade erst zweieinhalb Jahre alt; die Parole hieß Abgrenzung, nicht Öffnung. Die SED suchte sich aus der deutschen Geschichte herauszustellen: "Deutschland ist nur noch der Name eines Hotels in Leipzig", erklärte uns das Politbüromitglied Albert Norden. Es lag noch nicht lange zurück, daß linientreue FDJ-Pimpfe über die Dächer turnten, um die "Ochsenköpfe" abzureißen: die Antennen, mit denen das West-Fernsehen zu empfangen war; die Parteimitglieder mußten einen Verpflichtungsschein unterschreiben, keine TV-Programme der Bundesrepublik anzusehen.

Und wo sich die Funktionäre im März 1964 schon aufs Gespräch mit uns einließen, taten sie dies durchweg im Gestus der Abwehr. Sie steckten, was die Gegenwart anbelangte, voller Minderwertigkeitskomplexe; so "agitierten" sie uns in einem fort auf höchst aggressive Weise. Was sie an Gewißheit und Gewißheiten zu bieten hatten, bezog sich ganz auf die Zukunft, die ja nach strammer marxistischer Lehre das kommunistische Paradies verheißt. Darüber redeten sie gern und viel, dem Heute standen sie mit leeren Händen gegenüber. Dem entsprach, was Walter Ulbricht seinen Bürgern zu bieten hatte: Appelle, die Ärmel aufzukrempeln und den Gürtel enger zu schnallen, gekoppelt mit Vertröstungen auf den Endzustand des Kommunismus, der jedem für seine Mühe reichlichen Lohn bescheren werde.

DDR 1986: Sie ist von alledem weltenweit entfernt. Es herrscht Bewegung statt Stagnation, die Zaghaftigkeit hat einer selbstbewußten Gelassenheit Platz gemacht, das Grau weicht überall freundlicheren Farben. Keine Spur von Kontaktscheu mehr bei den Funktionären. Keine Aggressivität mehr im Gespräch, nicht einmal in der Kontroverse. Keine plumpe Agitation. So ähnlich wie der Rostocker SED-Bezirkssekretär Ernst Timm haben es viele gesagt: "Damals, ja, da haben wir euch agitiert. Die Zeit ist weitergegangen, vieles ist realer geworden. Es läßt sich besser miteinander reden, wenn man den anderen Standpunkt kennt, ohne den eigenen aufzugeben."

Es gibt noch Plakate, Transparente und Propagandabanner, aber es sind viel weniger geworden. Manche sind so formuliert, daß sie den Regeln mindestens der bürgerlichen Grammatik ins Gesicht schlagen ("Fest auf dem Kurs der Hauptaufgabe"). Bei anderen stimmt es mit der Logik nicht so ganz. "Bis zur Jahrtausendwende eine Welt ohne Atomwaffen" legt jedenfalls die Erkundigung nahe, ob eigentlich danach die Kernwaffenarsenale wieder aufgefüllt werden sollen. Doch müssen wir die Losungen wohl auch nicht zu ernst nehmen. Die DDR-Bürger lassen sie noch unbeeindruckter an sich abrieseln als der durchschnittliche Bundesbürger die Fernsehwerbespots. Und parteioffiziell wird der "Transparentismus" der Übereifrigen heute eher belächelt: "Transparenz brauchen wir, nicht Transparente".

Vor allem wirkt das Land bunter, seine Menschen sind fröhlicher geworden (obwohl einer der jüngeren ZEIT-Reisenden, der die heutigen Zustände nicht aus eigener Anschauung mit den früheren vergleichen kann, rasch zu dem Urteil fand, die DDR mache einen "unfrohen" Eindruck). Zumal die Jungen sind von ihren Altersgenossen im Westen schwer zu unterscheiden; die Abiturklasse, die wir im mecklenburgischen Bad Doberan besuchten, hätte genauso gekleidet auch im Gymnasium von Bad Kissingen oder Bad Tölz sitzen können. Vieles ist regulär importiert, vieles von Verwandten mitgebracht, vieles auch einfach nachgeschneidert (westdeutsche Schnittmusterhefte sind begehrte Mitbringsel). Die Frauen nähen selber oder haben noch, wie zu Großmutters Zeiten, ihre kleine Schneiderin. Einmal traf ich auf einen Chemiker, der phantastisch sitzende schwarze Lederhosen trug – nicht Sepplhosen, sondern Jeans. Er hatte sie sich für 80 Mark von einem Studenten schneidern lassen – "der reichste Student Ost-Berlins, aber sagen Sie’s nicht weiter". Jedenfalls ist westliche Mode nicht mehr tabu. Die Forderung nach modischer Aktualität und Gestaltung hat sich sogar in die jüngste Parteitagsdirektive eingeschlichen.

Am Staate mäkeln, doch ihn tragen

Dann ist die DDR weniger düster, wenn die Nacht hereinbricht. Das Land jenseits der Elbe riecht auch anders: nicht mehr nach Lysol und billigem Fett, nach Machorka und stinkigem Benzin. Und aus dem tröpfelnden Motorverkehr von ehedem ist mittlerweile ein reißender Strom geworden – fast wie bei uns. Wer sich in Dresden für nachmittags um vier mit jemandem verabredet, tut gut daran, die Anfahrtszeit doppelt so lang zu veranschlagen wie normal; im Stoßverkehr ist kaum ein Vorankommen. Im Jahre 1970 besaßen erst 16 von 100 Haushalten einen Wagen, 1985 waren es 46. Bis 1990 wird mit annähernder Vollmotorisierung gerechnet. Der Wagen ist auch des DDR-Bürgers liebstes Kind geworden. Er wird noch hingebungsvoller gepflegt, gestriegelt, poliert als bei uns. Die Ideen von ehedem, den Besitz von Privatwagen gar nicht erst zuzulassen, sind nur noch eine unangenehme Erinnerung. Wie sich ein Professor in Dresden ausdrückte: "Wenn Sie mir mein Auto wegnehmen würden, das würde ich überhaupt nicht verstehen. Ich würde sie für Chaoten halten."

Noch müssen die DDR-Bürger auf ihren Trabi, Wartburg, Schiguli, Skoda oder Dacia acht bis zehn Jahre warten, und Ersatzteile aufzutreiben bedarf verzweiflungsvoller Geduld und Findigkeit. Das wird wohl so bleiben, trotz des Parteitagsversprechens: "Die Produktion von Personenkraftwagen und Zweiradfahrzeugen wird weiter gesteigert." Die Jungen müssen sich fürs erste noch mit dem Moped begnügen – und selbst da gibt es ja Wartezeiten. Wenn die Nationale Volksarmee ein Problem der Bundeswehr nicht hat, dann ist es die Bereitstellung von Parkplätzen in und an den Kasernen.

Indessen läßt sich nicht übersehen, daß der Wohlstand gewachsen ist. Die alte Ärmlichkeit ist zum guten Teil verschwunden, wiewohl vieles im Vergleich zum Westen noch armselig wirkt: die Schaufensterdekorationen, die Billig-Angebote der Konsumgüterindustrie, das fleckige Obst und das unansehnliche Gemüse in den Auslagen – wenn es offiziell überhaupt welches gibt. (Eine bezeichnende Reaktion auf das Reaktorunglück von Tschernobyl war der Satz: "Endlich gab’s bei uns mal Spargel und Kopfsalat die Menge – die polnischen Erzeugnisse, die ihr in der Bundesrepublik aus Angst vor Verstrahlung zurückgewiesen habt und die dann bei uns abgesetzt wurden.") Aber in anderer Hinsicht ist der Fortschritt mit Händen greifbar.

Die Entwicklung hat sich drüben ganz ähnlich vollzogen wie hüben, wenn auch mit einigem Phasenverzug. Erst kam die Freßwelle. Deren Resultate lassen sich noch immer in den FDGB-Ferienzentren besichtigen – oder im hochmodernen, weitläufigen Freizeitzentrum an der Berliner Leninallee, Ecke Dimitroffstraße, wo sich schwergewichtige Zeitgenossen unter dem Motto "Mollis wollen schlanker werden" die überflüssigen Kilos auf Standfahrrädern abzustrampeln suchen. Im übrigen gilt auch in der DDR, je höher der Rang, desto schlanker die Taille. Ganz oben wird täglich geschwommen oder gar gejoggt.

Dann kam die Konsumwelle: Mode, Auto, Bauen, Reisen. Die Reisewelle freilich rollte bloß in DDR-typischer Einengung. Die offizielle Statistik führt für das Jahr 1985 zwölf Millionen Urlaubsreisen auf. Davon organisierten der Gewerkschafts-Feriendienst 1,9 Millionen, die Betriebe 3,1 Millionen, der Jugendreisedienst 1,2 Millionen und Kinderferienlager 1,2 Millionen. Auf "privat organisierte Reisen einschließlich privat organisierter Campingreisen und Auslandsreisen" begaben sich 5,6 Millionen DDR-Bürger. Sieht man genauer hin, schrumpft die Zahl der Auslandsreisen auf 213 000 für Erwachsene, 296 000 für Jugendliche zusammen: nach Ost, West und ins neutrale Ausland, eingeschlossen die Dienstfahrten der "Reisekader", ausgenommen die anderthalb Millionen Rentnerreisen in die Bundesrepublik und die Reisen in dringenden Familienangelegenheiten (66 000 im vergangenen Jahr). Zum Vergleich: 18 Millionen Westdeutsche reisten 1985 ins Ausland. Der DDR-Bürger stößt nach wie vor auf Schranken und Mauern: finanzielle Schranken und politische.

Es ist die Achillesferse des Systems. "Diese Frage des Reisens ist sehr vielschichtig", hatte Erich Honecker im ZEIT-Interview Ende Januar ausweichend bemerkt; auch die Devisenproblematik erwähnte er. Aber der Erwartungsdruck ist groß. Bei aller abstumpfenden Gewöhnung muß es einem jungen Menschen absurd vorkommen, daß er, der vom Fernsehturm aus weit nach West-Berlin hineinsehen kann, nicht dorthin darf – "Das verbotene Zimmer", nennt es die Schriftstellerin Helga Schubert, die in einer Novelle gesteht: "Ich träume, daß ich in West-Berlin bin." Andere träumen, daß sie in Mallorca oder der Toskana sind, in Chartres oder Athen. So folgsam sie auch sein mögen – eines Tages wird das Regime hier die Ventile weiter öffnen müssen, wenn im Dampfkessel DDR nicht gefährlicher Überdruck entstehen soll.

Die privilegierten Stände geben sich neuerdings der Psychowelle hin. "Jeder gilt als unsensibel, der nicht seine Neurosen hat", sagt Helga Schubert, die es wissen muß, denn sie ist Psychotherapeutin. Unterdessen rollt die Konsumwelle weiter, als Lebensverwirklichung der kleinen Leute. Vor zwanzig Jahren besaßen von 100 Haushalten ganze 40 einen Fernsehapparat; Vorbestellung und Kühlschränke gab es nur auf Vorbestellung und nach monatelangem Warten. Inzwischen kommen auf 100 Haushalte 93 Fernseher (darunter allerdings nur 38 Farbfernseher). Waschmaschinen stehen jetzt in 92 von 100 Haushalten, Kühlschränke in 99 Haushalten (knapp ein Drittel davon Gefrierschränke; "einfrosten" ist drüben gang und gäbe geworden).

Am Staate mäkeln, doch ihn tragen

Heutzutage gibt es ziemlich alles in der DDR, wenngleich nicht immer und nicht überall – oder nur als "Bückware", die unter dem Ladentisch hervorgeholt wird. Da hat jeder seine Beziehungen, ob es nun um Wasserhähne geht, die ein Kneipenbesucher feilbietet, oder um frischen Spargel, den der Lastwagenfahrer für seine Freunde abzweigt ("Na gut, eine Kiste Schwund mach’ ich"). Beziehungen müssen viele der Mängel wettmachen, die dem Verteilungsapparat bis heute anhaften. Das ist zeitraubend, nervtötend, unökonomisch, aber es liegt unausrottbar im System. So wird die Pointe der Scherzfrage noch lange ihre Gültigkeit behalten: "Was ist die schlimmste Strafe in der DDR?" Antwort: "Zwei Jahre ohne Beziehungen."

"Die Wünsche sind schon weniger auf das Elementare gerichtet als vielmehr auf ein bescheidenes Quentchen Luxus, auf ein bißchen Exquisites; ein Stück französischer Seife oder eine bestimmte Marke amerikanischer Rasierklingen", beobachteten wir vor fast einem Vierteljahrhundert. Seitdem hat sich die Skala der Wünsche noch weiter verfeinert. Selbst die Intershops, die "Exquisit"- und "Delikat"-Läden können sie nicht alle erfüllen; ja, die Erfüllung weckt erst recht neue Begehrlichkeiten.

Oft genug, wenn man Menschen vor Geschäften Schlange stehen sieht, verrät dies nicht grundsätzlichen Mangel, sondern Sehnsucht nach Qualität. Die Leute stehen beim Privatbäcker an, der Brötchen aus blütenweißem Mehl der Güteklasse I feilhält, das Stück für 8 Pfennig; beim HO-Bäcker eine Ecke weiter drängelt sich niemand – dort gibt es nur die minderen Brötchen: Mehlgüteklasse II, Stückpreis 5 Pfennig. In Weimar erzählte mir der Chef eines Funk- und Fernsehgeschäfts, daß die Leute sich früh morgens um vier Uhr bei ihm angestellt hätten.

"Was gab es denn?"

"Ich hatte fünf Farbfernseher des neuesten Modells für 6200 Mark das Exemplar. Sie sind weggegangen wie warme Semmeln."

"Aber ich habe doch beim Spaziergang durch die Innenstadt gesehen, daß da in den Geschäften Farbfernseher in großer Zahl angeboten wurden, allerdings ein billigeres Modell, 4125 Mark."

"Sicher. Die hätten sie auch gleich ohne Anstehen mitnehmen können. Den Leuten ist halt das Beste gerade gut genug."

Am Staate mäkeln, doch ihn tragen

Die SED weiß das auch. So verlangt denn die Parteitags-Direktive zum neuen Fünfjahresplan bessere Ausstattung, modernen Wohnkomfort, "hochmodische Sortimente". Das Regime kennt seine Schwächen und verspricht Besserung: "Die Direktive verpflichtet die Staats- und Wirtschaftsfunktionäre, die stabile Versorgung der Bevölkerung mit den Waren des täglichen Bedarfs, mit Erzeugnissen für die Kinder, mit Jugendmode und Sportbekleidung, mit Ersatz- und Zubehörteilen aller Art sowie mit den 1000 kleinen Dingen, die die Bürger im täglichen Leben benötigen, jederzeit zu gewährleisten." Die Menschen hören’s gern und warten ab, was daraus wird. Sogar ganz wohlgemut; auf anderen Gebieten haben sie ja erlebt, daß die Partei ihre Versprechen einlöst. Das gilt zumal für den Wohnungsbau.

Es gibt noch graue Dörfer, trostlose Stadtviertel. Aber sie setzen nicht länger die dominierenden Akzente. Überall haben die Ortschaften dicke Wachstumsringe angesetzt, sind große Wohnsiedlungen entstanden – anfangs in recht einfallsloser Architektur, neuerdings indes auch immer öfter in eindrucksvoller baulicher und städteplanerischer Gestaltung. Die DDR ist eine einzige Großbaustelle. Allenthalben wird rekonstruiert, modernisiert, saniert. Straßenzug um Straßenzug wird hergerichtet, Baulücke um Baulücke gefüllt, Stadtkern um Stadtkern erneuert. Die Zeit des besinnungslosen und bedenkenlosen Niederreißens ist lange her. Zwar hilft auch heute noch manchmal nur die Abrißbirne, doch wo es irgend geht, wird liebevoll restauriert.

Architekten werden in der DDR nicht auf den Tafeln vor Baustellen aufgeführt; sie gehören, wenn sie nicht eine staatliche oder städtische Funktion innehaben, einem Baukombinat an und müssen sich mit der Anonymität des Kollektivs bescheiden. Gerade deswegen sei eine kleine Verbeugung vor ihnen gestattet: Sie gehörten zu den eindrucksvollsten Gesprächspartnern auf unserer Reise.

Ost-Berlins Chefarchitekt heißt Dr. Roland Korn. Am Stadtmodell im Fernsehturm erklärte er die Aufbaupläne für das Planjahrfünft 1986 bis 1990: Neubau von 117 000 Wohnungen; Modernisierung von 47 000 Wohnungen ("99 Prozent der Wohnungen werden dann eine komplette moderne Ausstattung haben"); Bau von 250 Einfamilienhäusern im Jahr, vor allem für Kinderreiche ("Wir planen kleine Einfamilienhaus-Gebiete"). Rund 48 Prozent der Neubauwohnungen haben drei Zimmer (Wohnfläche ohne Verkehrswege und Toiletten: 62 Quadratmeter, die Küche ist dabei meist kein abgeschlossener Raum); 30 Prozent entfallen auf Ein- und Zweizimmerwohnungen. In einem Neubaugebiet wie Marzahn bei Berlin darf die Dreizimmerwohnung 90 000 Mark kosten – einschließlich der anteiligen Kosten für Straßen, Kanalisation, "gesellschaftliche Einrichtungen". Die Plattenbauweise überwiegt, doch kehrt auch die Ziegelbauweise wieder.

Korn ist stolz auf seinen Teil Berlins: "Wir entwickeln die Hauptstadt zu einer sozialistischen Metropole." Der Stolz quillt über in schiere Freude, wenn Korn Fremden die Erneuerungsarbeiten in der Dimitroffstraße zeigt. Er verdichtet sich zu leiser Selbstironie, wenn der Chefarchitekt den Wiederaufbau des ehemaligen Gendarmenmarktes erläutert und dabei vor Schinkels Schauspielhaus kommentiert: "Schinkel war der größte Baumeister, bis wir kamen."

"Schielen Sie denn nach dem, was westlich der Mauer geplant oder gebaut wird, damit sich das geteilte Berlin nicht auch noch städtebaulich spaltet?"

"Wer schielt nicht?" gab er zurück, setzte jedoch flugs hinzu: "Unsere Stadtplanung ist unabhängig. Wir haben ganz andere Bezüge. Wir bauen Massenwohnungen, soziale Wohnungen für alle. Aus den Bedingungen werden dann Erscheinungen."

Am Staate mäkeln, doch ihn tragen

Sieben Milliarden Mark stellt die DDR-Regierung jedes Jahr für Bauleistungen in Berlin zur Verfügung. Dafür bauen 40 000 Bauarbeiter in sechs Kombinaten, unterstützt von 20 000 FDJ-Angehörigen aus dem Rest der Republik, 33 000 Wohnungen im Jahr; davon wird die geplante Renovierung von hundert Bahnhöfen der S-Bahn, U-Bahn und Fernbahn bezahlt; aus diesem Topf werden auch umfangreiche Verkehrsbauten und große Investitionen auf dem Gebiet der Stadttechnik finanziert.

Ein Schaustück neuerer Architektur in Ost-Berlin ist der Wiederaufbau des Nikolai-Viertels gleich neben dem Roten Rathaus (das wegen seiner Backsteinfassade so schon im Kaiserreich hieß). Dort sind 800 Wohnungen, 20 Gaststätten, 33 Läden untergebracht; gruppiert um die wiederaufgebaute Nikolaikirche, deren Fundament aus dem Jahre 1230 stammt und das älteste aufrechtstehende Mauerwerk Berlins ist; ergänzt durch das wiedererstandene Ephraim-Palais.

Der Mann, der das Ensemble erdacht und als verantwortlicher Architekt inzwischen fast zur Vollendung geführt hat, ist Dr. Günter Stahn, ein untersetzter Vierziger, der Maurer gelernt hat. Es läßt sich mit ihm trefflich über Postmodernismus streiten; er weiß, wie im Ausland gebaut wird; und er setzt sich über die eine oder andere Fragwürdigkeit des Vorhabens im Nikolai-Viertel mit entwaffnendem Freimut hinweg: "Wir wollen in diesem Viertel nicht die Übertragung von mehr Geschichte, als wir hier haben. Wir machen alles mit einem Schuß Ehrlichkeit." Stahn hat mit der "großen Platte" gebaut und ist stolz darauf, daß er die industrielle Bauweise adaptieren konnte. Aber er hat sich dabei manches Ungewöhnliche einfallen lassen: vorgefertigte Giebel, Mansarden und sogar Arkaden. Daneben ließ er alte handwerkliche Fertigkeiten wiedererstehen: Gewölbemauern, Gitterschmieden, Pflasterverlegen. "Damit gewinnen wir einen städtebaulichen Maßstab zurück, der fast schon verloren war, und dies an einem Ort, der auf das mittelalterliche Berlin zurückweist."

Auch hier gilt: "Aus den Bedingungen werden dann Erscheinungen." Wie in Gera, der thüringischen Bezirksstadt, die in den letzten Kriegsmonaten noch ziemlich zerstört wurde. "Was stehen blieb, war mehr oder weniger verslumt", sagt Stadtarchitekt Hans Tiede. Oberbürgermeister Pohl fügt hinzu, ein Viertel bis knapp ein Drittel der Wohnungen befinde sich noch in privater Hand. "In den letzten Jahren sind für 55 bis 60 Prozent neue Wohnungen errichtet oder alte modernisiert worden." Werner Ullrich, der Vorsitzende des Rates im Bezirk Gera, ergänzt: "Im vergangenen Jahr sind im Bezirk 5000 Neubauwohnungen errichtet worden, davon 1200 in der Stadt Gera. Unter den 5000 waren 700 Eigenheime – privat, vererbbar auch, aber mit langfristigen Zuschüssen und der Zuweisung von Baumaterial seitens des Staates gebaut." Von den 4300 neuen Wohnungen ist eine Hälfte genossenschaftliches Eigentum, ebenfalls vererbbar, wiewohl nur in direkter Linie, die andere Hälfte staatliches Eigentum.

Hand aufs Herz: Wer weiß bei uns schon, daß drüben auch privat gebaut wird? Die Zahlen, auf die wir in Gera stießen, bargen eine Neuigkeit. Zwei andere Ziffern allerdings erweckten Zweifel daran, daß das Wohnungsproblem jemals endgültig überwunden werden kann: Auf der Warteliste stehen – bei 57 000 Haushalten in der Stadt – 2000 Familien, die noch keine eigene Wohnung haben, dazu 6000, die eine bessere Wohnung suchen. Kein Zweifel: Mit den Erfüllungen wachsen auch hier die Wünsche.

"Setzt denn die Zuteilung einer Wohnung besondere gesellschaftliche Loyalität oder die Parteimitgliedschaft voraus?"

Oberbürgermeister Pohl – grauer Flanell, Weste, weißes Hemd, dezente Krawatte – blickte auf seine Uhr: "Auf die Frage habe ich seit einer Stunde gewartet. Ehrlich: Wenn einer ordentliche Arbeit tut im Betrieb, dann spielt alles andere keine Rolle."

Am Staate mäkeln, doch ihn tragen

Die eigentliche Überraschung war der Anblick des wiederaufgebauten alten Stadtkerns. Da ist viel getan worden, viel Vernünftiges, das anderswo zum Vorbild genommen werden könnte. In die verfallenen Bürgerhäuser wurde jeweils über eine Million Mark gesteckt; es entstand ein ganz neuer Platz nahe des Rathauses; die 13 Hektar der einst bewehrten Stadt, in denen das Durchschnittsalter vor einem Jahrzehnt bei 68 Jahren lag, zieht wieder junges Volk an. Und Stadtarchitekt Tied, Ende vierzig, Anfang fünfzig, mit Mantel und Baskenmütze dem Regen trotzend, hat glänzende Augen vor Begeisterung, wenn er erzählt, wie alles lief. "Mit den Bürokraten allein", sagt er übrigens, "wäre gar nichts gelaufen. Das ganze ging überhaupt nur, weil sich der Parteisekretär dahinterklemmte."

Der Parteisekretär hat da wohl ganz im Sinne des Generalsekretärs gehandelt. Der Wohnungsbau ist Erich Honeckers ureigenstes Anliegen. Seit er 1971 Parteichef wurde, sind über zwei Millionen Wohnungen errichtet worden. Bis 1990 will er das Wohnungsproblem "gelöst" haben. Laut der Direktive des XI. Parteitags "ist die Bauproduktion der Volkswirtschaft bei überdurchschnittlich steigenden Baureparaturleistungen um 16 bis 18 Prozent zu steigern". Wie es der Berliner Chefarchitekt ausdrückte: "Kernstück des sozialpolitischen Programms der Partei der Arbeiterklasse ist der Wohnungsbau."

Das erklärt, weshalb die DDR zu einer riesigen Großbaustelle geworden ist. Es erklärt, weshalb die Stimmung sich gebessert hat und das Verhältnis zwischen Volk und Obrigkeit entspannter ist als je zuvor: Die Bürger sehen, daß es vorangeht. Und es erklärt nicht zuletzt die Gelassenheit der heutigen Führungsschicht.

Es ist ein ganz neuer Schlag von Funktionär, der einem jetzt entgegentritt. Nicht mehr der Typ im Ledermantel, der in erster Linie ideologisch argumentierte, weil sich so die praktischen Mängel des Systems am ehesten verdecken ließen; Männer, die sich stark gaben aus Schwäche; Gesprächspartner, denen jeder Satz zur gestanzten Agitprop-Floskel geriet. Die Leute, die heute in Partei und Staat, Wirtschaft und Wissenschaft die Kommandohöhen besetzen, geben sich locker, umgänglich, offen. Ihre Rede ist flüssig und hat Gestalt; sie sprechen sauberes Deutsch, überhaupt nicht das lederne Parteichinesisch der Leitartikel im SED-Zentralorgan Neues Deutschland; sie räsonieren pragmatisch, nicht ideologisch. Der Typ des Machers überwiegt; der Agitator ist die Ausnahme geworden.

Marxisten sind sie, wie andere anderwärts Katholiken sind oder Protestanten. Der Marxismus-Leninismus ist die Grundbedingung ihres Wirkens. Sie glauben daran; wiederum werden aus den Bedingungen Erscheinungen. Aber was allein zählt, ist die Praxis, das Erreichte, das Geleistete. In dem, was sie vollbracht haben, wurzelt ihre neue Selbstgewißheit. Sie wissen, daß ihr System Schwächen hat, doch bauen sie auf seine Stärken. Vor allem setzen sie auf ihr erwiesenes Vermögen, mit schwierigen Problemen fertig zu werden. "Gewiß, es ist kein Himmelreich", sagte uns die Soziologie-Professorin Helga Kurig, "aber vieles ist geschafft." Die Führung traut sich zu, auch noch mehr zu schaffen.

Die neue Führungselite ist eine Leistungselite von Fachleuten. Sie qualifiziert sich ständig weiter wie alle anderen Bürger; die DDR ist ein einziges, riesiges Fortbildungsinstitut. Ihre Angehörigen unterscheiden sich von westdeutschen Politikern und Spitzenbeamten vor allem dadurch, daß sie viel mehr wie Technokraten reden. Jeder Parteisekretär ein Wohnungsbau-Experte, jeder Ratsvorsitzende ein Rationalisierungsfachmann. Nicht mehr die stalinistischen Sozialingenieure haben das Sagen, die den alten Adam in der Fabrik des neuen Menschen umkrempeln wollen, sondern die Diplomingenieure.

Kurt Hager, der Ideologiepapst des Politbüros, sprengte die vorherrschende Gußform, als er – ein fast heiterer alter Herr, der die Jahre der Rücksichtslosigkeit weit hinter sich weiß – mit der naiven Kraft des Gläubigen bekannte: "Ich gehöre zu den Vertretern einer Philosophie, die an die Veränderbarkeit des Menschen glauben. Es muß gehen." Sein Ideal kleidet er bieder in Goethes Worte: "Edel sei der Mensch, hilfreich und gut." Aber indem er das Rezept ausbuchstabierte, wie es gehen muß, schlug er auch gleich wieder den Bogen zu den Machern: "Durch die Tat, durch konstruktives Tun. Wenn man an die Veränderbarkeit glaubt, muß man sich auch einsetzen für eine Gesellschaft, in der die Veränderung möglich wird. Wir wollen Realisten bleiben und uns klar sein, daß wir sehr viel noch zu tun haben. Es geht nicht um allgemeine Ideale, sondern um konkrete Schritte."

Am Staate mäkeln, doch ihn tragen

Also führen die diplomierten Ingenieure das Kommando, die es dem Menschen in seiner Umwelt leichter, bequemer, heimeliger machen wollen. Sie reden mehr über die Vorzüge und Nachteile der industriellen Plattenbauweise als über den Klassenkampf. Sie kennen das Kostennormativ für die durchschnittliche Neubauwohnung (86 000 Mark). Sie gehen der Frage nach, warum die neue Tatra-Straßenbahn aus der Tschechoslowakei die Dresdner Brücke "Blaues Wunder" in den Grundfesten erschüttert hat. Sie kümmern sich um Rauchgas-Entschwefelung und Wohnraumzuteilung. Sie plagen sich, damit es den Leuten besser geht. Hinter der Parole "Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik" steckt genau dies: Die Menschen sollen jetzt etwas von ihrer Hände Arbeit haben, nicht erst im kommunistischen Utopia. Der Überbau ist erstarrt, das Theoriedefizit müßte einem Marxisten eigentlich peinlich sein. Aber die DDR ist dadurch ein Gutteil menschlicher geworden.

"Wir haben manche Dummheit gemacht", gesteht das Politbüromitglied Hager ein. "Die Geschichte bewegt sich nicht geradlinig, sondern in Windungen – aber vorwärts." Fast genauso drückte sich Klaus Gysi aus, der Staatssekretär für Kirchenfragen: "Wir haben eingesehen, daß der Versuch falsch war, die Dinge zu forcieren. Wir haben uns alle Dummheit restlos abgestoßen." Die "Vergeblichkeiten von Erwartung und Frist", über die der Dichter (und Kommunist) Stephan Hermlin einst schrieb, hat ihnen viele Revisionen aufgenötigt, viele Visionen zerstört. "Sie haben keine Ahnung", brach es im Gespräch aus Gysi heraus, "was ein Kommunist, der das 50 Jahre ist, im Laufe der Zeit alles glauben muß; da soll sich die Kirche mal nicht so dicke tun."

Nein, sie vermitteln nicht den Eindruck, daß sie noch an ewige Wahrheiten, an unverrückbare Ziele, an sichere Siege glaubten. Die Macht – gewiß, daran lassen sie nicht rühren. "Wir haben die Macht und müssen tun, was wir für richtig halten", sagte unverblümt Klaus Wenzel, der Direktor des Warnemünder Hotels "Neptun", der neue Reeder des Traumschiffs (früher "Astor", jetzt "Arcona"). Aber die Kommunisten in der DDR geben nicht mehr vor, das Endziel zu kennen. Sie wissen, wo sie in den Wald hineingehen, doch sie wissen nicht, wo sie herauskommen werden.

Die Partei fühlt sich unterwegs. "Wir haben doch keinen Schimmer, wie der Kommunismus aussehen wird", bekennt Klaus Gysi. "Marxismus? Wir wissen nicht, was das ist", erläutert unabhängig von ihm Professor Manfred Wekwerth, Chef von Brechts Theater am Schiffbauerdamm, ZK-Mitglied und Präsident der Akademie der Künste. Er verweist auf den Begriff des Werdens in Marx’ "Deutscher Ideologie" und zitiert beifällig den Satz des Lukács-Schülers Istvan Herman, Sozialismus sei eine Erweiterung der menschlichen Möglichkeitssphäre. "Wir machen ein großes Experiment", sagt Wenzel. Das muß man laufen lassen." Genauso klingt es bei Kurt Hager: "Das ist ein historischer Prozeß, der noch nicht abgeschlossen ist. Wie überhaupt alles, was man in der DDR beobachten kann, noch im Fluß ist." Die SED-Leute treten ohne Verbissenheit auf, wenngleich niemand bezweifeln darf, daß die Partei Biß hat – und zubeißen würde, wann immer sie sich herausgefordert fühlte.

Und was sagt das Volk dazu?

Vor 22 Jahren schrieb ich: "Die Mehrzahl der Menschen verharrt nun einmal nicht auf unbedingte Zeit in Trotzpose und Widerstandshaltung; sie arrangiert sich mit ihrer Umwelt, wenn diese Umwelt unabänderlich zu sein scheint. Die Menschen in der DDR mögen auch nicht die Leistungen, die sie trotz aller äußeren und inneren Schwierigkeiten im Laufe der Zeit vollbracht haben, verlachen oder verspotten; schließlich sind es ihre eigenen Leistungen. Aus dem Schöpferstolz wird so eine gewisse innere Identifizierung, aus der Identifizierung am Ende das Sich-Abfinden."

Heute trifft dies erst recht zu. Nicht, daß das Sich-Abfinden alle zu Kommunisten gemacht hätte. Albert Norden, Hagers verstorbener Vorgänger, hatte einmal zu Bischof Schönherr bemerkt: "Ihr habt drei Prozent, wir haben drei Prozent, um die dazwischen keilen wir uns." Staatssekretär Gysi meinte das gleiche, als er jetzt beim Tischgespräch pointierte: "In der DDR sind die wirklichen Christen mit drei Millionen eine Randerscheinung auf der einen Seite. Die Marxisten sind mit zweieinhalb Millionen eine Randerscheinung auf der anderen Seite. Die meisten anderen glauben weder an Marx noch an Gott."

Am Staate mäkeln, doch ihn tragen

Sie glauben an das, was sie sehen: die Aufbauleistung ringsum, ihren verbesserten Lebensstandard, die Geborgenheit auch, die ihnen ihr Staat bei allen Kümmerlichkeiten und Kümmernissen bietet, die menschliche Wärme, die sich zum Beispiel darin ausdrückt, daß keine ausländischen Taktstraßen bestellt werden, die das übliche, eher gemächliche Arbeitstempo beschleunigen. In den Worten des Bühnenschriftstellers Heiner Müller: "Hier kann man gleichzeitig arbeiten und leben. Drüben arbeitet und lebt man getrennt. Wir wollen auch während der Arbeit leben."

Die Menschen in der DDR haben, was manche, die in die Bundesrepublik ausreisen, bald schon bitterlich vermissen: Sicherheit. Viel Gängelung, Planung, Fremdbestimmung bis tief hinein in den Lebensentwurf des einzelnen – aber eben auch Zuwendung, Fürsorge, eine Biographie ohne Knick, solange sie nicht aufmüpfig werden. "Das mit Partei und Parteiauftrag", sagte mir ein Vetter, der das SED-Abzeichen im Knopfloch trug, "mußt du unverbissen sehen." Die risikolose Gewißheit, die das System bietet, ist ihm wichtiger als die riskante Beweglichkeit, die dem Westen sein Gepräge gibt.

Und es ist drüben ja in der Tat ein soziales System entstanden, das unseres in mancher Hinsicht in den Schatten stellt. Arbeitslosigkeit gibt es nirgends. Im Gegenteil: Alle Manager jammern über Arbeitskräftemangel. Die Einführung von 85 000 bis 90 000 CAD/CAM-Arbeitsstationen – Computer Aided Design und Computer Aided Manufacturing: Konstruktion und Produktion mit Hilfe von Computern – und der Einsatz von 75 000 bis 80 000 Industrierobotern bis 1990 sollen jetzt Arbeitskräfte für andere Aufgaben freistellen, um den Personalengpaß zu überwinden.

Die Renten sind niedrig – mindestens 300 Mark, im Schnitt 500 Mark, doch Zweifel, ob sie auch sicher sind, gibt es nicht. Ein Platz im Altenheim kostet nicht mehr als 110, 120 Mark; der monatliche Sozialversicherungsbeitrag liegt bei höchstens 60 Mark. Niedrig sind auch die Mieten – 49 bis 69 Mark für eine Zweizimmerwohnung mit Fernheizung; durchschnittlich nicht mehr als vier Prozent vom Nettoeinkommen. Die Preise für Grundnahrungsmittel – Brot, Fleisch, Wurst, Butter, Milch, Nudeln, Kartoffeln – sind seit über einem Vierteljahrhundert nicht erhöht worden; das einfache Brötchen kostet immer noch fünf Pfennig. Auch die Preise für Heizung, Strom, öffentliche Verkehrsmittel sind stabil geblieben. Der Staat schießt dem Lebensunterhalt seiner Bürger 24 Milliarden Mark an Subventionen zu. Das muß man bei Lohnvergleichen berücksichtigen. Wenn ein Arbeiter bei Carl Zeiss Jena im Monat 900 Mark nach Hause bringt (Spitzenverdienst: über 2000 Mark), so ist das erheblich mehr als in der Bundesrepublik.

Hinzu kommen vielfältige geldwerte Sozialleistungen: Krippenplätze für 73 Prozent aller Kinder unter drei Jahren, Kindergartenplätze für alle, die einen wünschen; Lehrlingswohnheime für jeden dritten Lehrling; kostenlose ärztliche Behandlung; verbilligte Urlaube. Das ist alles nicht sonder Fern und Tadel; gerade die ärztliche Versorgung und die Versorgung mit Medikamenten lassen zu wünschen übrig. Aber es ist auch nicht wenig.

Und die Partei ist ja durchaus korrekturfähig. Früher wurden die "Privaten" verteufelt und bedrängt, jetzt werden sie geradezu gehätschelt. Von 33 000 Kneipen in der DDR sind 18 000 in privater Hand, erzählt Klaus Wenzel; es gibt 1000 private Augenoptiker im Lande, berichtet der Zeiss-Generaldirektor Biermann; er suche Gürtler und Goldschmiede, Bäcker und Kürschner, verkündet Oberbürgermeister Sager von Eisenhüttenstadt, ausdrücklich die Initiative eines jungen Mannes rühmend, der sich als Intarisienschneider im benachbarten Fürstenberg niedergelassen hat.

Die Genossenschaftsbauern nennen sich aufs neue "Bauer", nicht mehr hochtrabend "Agrotechniker" oder "Mechanisator". "Da haben wir gelernt", gesteht Hubert Berger, Leiter der LPG Solidarität im mecklenburgischen Granzow. "Heute legen wir wieder auf Schollenverbundenheit wert." Das zuständige Politbüromitglied Werner Felfe stößt ins gleiche Horn: "Die Erde ist doch ein lebender Organismus. Wenn ich da mit Mechanisator komme..." Felfe legt auch ungeniert die Ziffern auf den Tisch, was die Bauern auf ihrem Privatland produzieren (1 Morgen Land pro Familie, dazu Tiere in beliebiger Zahl, nur die legale Herkunft des Futters muß nachgewiesen werden). Diese "individuelle Landwirtschaft" liefert 10 bis 12 Prozent des Schlachtviehs, 2 Prozent der Milch, 11 Prozent vom Gemüse, 33 Prozent vom Obst, 100 Prozent des Kaninchenangebots. Privatinitiative lohnt sich wieder und wird belohnt.

Am Staate mäkeln, doch ihn tragen

Die Menschen drüben genießen denn, wo sie schon die große Freiheit nicht haben, die kleinen Freiheiten, die ihnen ihr Staat gewährt. Auch das war im Ansatz schon 1964 zu erkennen. "Sie leben ihren bescheidenen Interessen, Hoffnungen und Steckenpferden. Die private Sphäre dient wieder einmal als Zufluchtsstätte, in die man sich vor dem Zugriff der Politik rettet, die Intimsphäre desgleichen. Auch Bildung und Ausbildung bieten eine Zuflucht." Seitdem hat sich dies eher noch verstärkt. Günter Gaus, der erste Ständige Vertreter Bonns in der DDR, hat dafür den Begriff "Nischengesellschaft" geprägt. Die Nische – das ist in seiner Definition "der bevorzugte Platz der Menschen drüben, an dem sie Politiker, Planer, Propagandisten, das Kollektiv, das große Ziel, das kulturelle Erbe – an dem sie das alles einen guten Mann sein lassen ... und mit der Familie und unter Freunden die Topfblumen gießen, das Automobil waschen, Skat spielen, Gespräche führen, Feste feiern. Und überlegen, mit wessen Hilfe man Fehlendes besorgen, organisieren kann, damit die Nische noch wohnlicher wird."

Es ist nicht anders als bei uns; warum sollte es auch. Und Gaus hat ganz recht: Eine gewisse Staatsferne prägt das Leben in den Nischen schon, aber sie existieren innerhalb des Sozialismus, nicht außerhalb des Sozialismus. Es handelt sich nicht um Brutstätten der Opposition. Die Partei, die gesellschaftlichen Organisationen und die Betriebe tun sogar viel, um den Menschen das Nischendasein überhaupt erst zu ermöglichen. Philatelie, Zierfischzucht, Jagen und Angeln – überall gibt es Kreise und Zirkel, Klubs und Vereinigungen. Sport wird in jeglicher Variation getrieben – vier Millionen DDR-Bürger (ein Viertel der Bevölkerung!) machten 1985 das Sportabzeichen.

Die liebste Nische ist den Menschen drüben jedoch die eigene "Datsche". Das kann ein Schrebergarten sein mit Laube, eine alte Kate auf dem Lande oder eine Hütte im Forst. Das Wort "Datsche" ist aus dem Russischen übernommen, die Sache nicht. (In Thüringen hatten die kleinen Leute schon immer ihre "Tränke", ein Stückchen Garten, einen Streifen Wiese, ein Eckchen Wald.) Die Partei hat nichts dagegen. "Warum soll der Mensch nicht eine Datsche haben?" fragte Kurt Hager. "Ein bestimmtes Publikum bei Ihnen sieht darin etwas völlig Antisozialistisches. Ich sehe darin etwas Selbstverständliches."

Was besagt dies alles für das Verhältnis zwischen der Obrigkeit und den Bürgern? Es ist entspannter, entkrampfter geworden. Das hat sicher mit der deutsch-deutschen Entspannung und Entkrampfung der frühen siebziger Jahre zu tun. Sie hat die DDR-Führung freier gemacht, sich auf das eigene Land zu konzentrieren und dem anderen deutschen Staat in der sozialistischen Welt eine kommode Nische einzurichten. Eine wirkliche Liberalisierung hat es nicht gegeben, wird es wohl auch so bald nicht geben. Aber Streckbett und Daumenschrauben sind auch nicht mehr an der Tagesordnung. Es ist alles lockerer geworden, weniger unbedingt, pastöser. Wie es ein Dramatiker formulierte: "Ein ganz wesentliches Strukturelement der DDR kommt aus Sachsen: das Verschwiemelte. Das ist ein Bereich, in dem man leben kann."

Zum Beispiel in der Literatur. Viele Schriftsteller sind nach Westen gegangen, manche – wie Wolf Biermann – sind hinausgeworfen worden. Da haben die Verantwortlichen jetzt Gewissensbisse. Kurt Hager macht daraus kein Hehl: "Seit Biermann ist ein ähnlicher Fall nicht mehr geschehen. Allerdings haben uns noch einige andere verlassen. Vielleicht haben wir nicht genug getan, um manchen das Leben zu erleichtern oder ihre Probleme zu verstehen."

Inzwischen haben sich neue Talente entfaltet. "Hier gibt’s viel", sagt der Dramatiker. "Aber nicht viel wird publik. Was unter dreißig ist, das paßt nicht in die Linie des Ministeriums für Fortbildung."

"Nein", sagt Schriftstellerin I. "So ist es nicht. Das setzte ja eine Konzeption voraus. Die haben aber keine."

Am Staate mäkeln, doch ihn tragen

"Na ja", sagt der Dramaturg, "seit der Personenkult abgeschafft ist, geht es eben nach keinem ..."

Und dann reden sie über die Zensur.

"Es gibt hier keine Zensur", sagt der Dramatiker, "es gibt eine Knautschzone. Da werden Gutachten über Gutachten eingeholt, werden Entscheidungen ewig vertagt. Es gibt die Figur des unbekannten Lesers (das Denkmal ist wohl schon in Arbeit), dem man das noch nicht zumuten kann."

"Jeder sagt: Ja, wenn’s nach mir ginge", ergänzt Schriftstellerin II. "Die leiden immer richtig. Die sagen, die kriegen Ärger."

"Die kriegen wirklich Ärger", wirft der Dramatiker ein.

"Wer macht denn den Ärger?" frage ich.

"Immer die nächsthöhere Stelle", antwortet Schriftstellerin II.

Am Staate mäkeln, doch ihn tragen

Und dann reden sie von labyrinthischer Bürokratie, wo keiner mehr weiß, wer zuständig ist. Sie versuchen, das Verschwiemelte zu definieren, die Knautschzone.

"Ich finde es gar nicht verschwiemelt", meint Schriftstellerin II. "Ich finde es sehr übersichtlich. Es lebt alles von den gestuften Privilegien der Menschen. Und weil jeder seine Stufe behalten will, funktioniert es. Das ist nicht die beste Möglichkeit des realen Sozialismus, aber auch nicht kafkaesk." Und wieder fällt der Satz: "Damit kann man leben."

In der Knautschzone aber versucht jeder, so weit vorzustoßen, wie es geht. "Hauptsache, es kommen keine Personen zu Schaden. Manchmal holt sich die Partei Beulen, manchmal der einzelne. Wer, kann man vorher gar nicht immer wissen."

Die Situation ist bezeichnend. Die versammelten Autoren haben alle ihre Privilegien. Manche dürfen nach Westen reisen. Sie mäkeln an ihrem Staat herum, aber sie tragen ihn. Helga Schubert zum Beispiel, die ihrer Novellensammlung "Das verbotene Zimmer? das Tschechow-Wort voranstellt: "Noah hatte drei Söhne, Sem, Harn und Japhet. Ham bemerkte nur, daß sein Vater ein Trunkenbold war, und übersah völlig Noahs Genialität, daß er die Arche gebaut und die Welt gerettet hatte. Die Schriftsteller sollen nicht Ham nacheifern."

Sie wünschen sich mehr Offenheit. Die Regierung soll sich nicht benehmen wie ein eifersüchtiger Ehemann, der dauernd fragt: Verrätst du mich? Gehst du fremd? Doch wollen sie nicht destruktiv wirken. "Der Grundgedanke hier ist vernünftig. Gleichzeitig sehe ich, daß die Nichtgewaltenteilung das paranoide Denken erzeugt." Helga Schubert brachte es auf den Punkt: "Mein Wunsch ist, daß die Leute, die die Macht haben, weniger Angst haben vor Neuerungen, vor Veränderung. Da muß auch ich etwas weniger tun, was denen Angst macht, ohne daß ich kusche. Ich muß davon ausgehen, daß sie auch konstruktive Elemente in sich tragen."

Leben in der DDR – das heißt Leben in der Knautschzone. Es heißt auch: Leben unter Erich Honecker. Die Bürger des anderen deutschen Staates bringen ihm fast so etwas wie stille Verehrung entgegen; in Gesprächen schlägt sie immer wieder durch. Wohl vermeidet er sorgsam jeden Personenkult. Es heißt nie: "seit Erich Honeckers Amtsantritt"; es heißt stets: "seit dem VIII. Parteitag". Doch läuft das auf dasselbe hinaus. Die meisten Neuerungen gehen auf das Jahr 1971 zurück, in dem Honecker die Nachfolge Walter Ulbrichts antrat. Realismus statt Utopie, Vertrauen auf die Macht des Faktischen; bessere Befriedigung der materiellen Bedürfnisse; weniger Angst; mehr Angebot; Intensivierung der Produktion; Ankurbelung des Dienstleistungssektors; Umweltschutz; neue Freiräume für Kunst und Künstler; sogar die Einführung von Sexualberatungsstellen – alles wird Honecker gutgeschrieben und zugutegehalten. "Honi" nennt ihn keiner, das ist westlicher Sprachgebrauch und wird als genierlich empfunden. Er heißt "der Chef", "der Erste" oder einfach Erich. "Erich währt am längsten", ist eine Kabarettnummer im jüngsten Programm der Berliner "Distel" überschrieben. Der Titel verrät etwas von der heimlichen Zuneigung derer, die seinem Regiment unterstehen.

Sie haben es ja nicht leicht. Ständig fällt ihr Blick nach Westen, zu uns in der Bundesrepublik. Manche macht der Vergleich aufbrausen. Den Hotelier Wenzel etwa, der barsch polterte: "Wir haben nie eine Chance. Laufen wir zu schnell, sagt ihr: Die treiben ihre Leute an. Laufen wir zu langsam, sagt ihr: Die schlampen." Andere stürzt der Vergleich in die Verzweiflung, wie jene Autorin, die klagte: "Beide sind wir auf den gleichen Startschuß losgelaufen, aber die anderen sind immer eher da. Ich denke, die laufen auf einer Aschenbahn, wir laufen im Morast. Und die gemeinsame Sprache verschärft alles noch, weil sie das Verstehen erlaubt..."

Am Staate mäkeln, doch ihn tragen

Im Vergleich mit der Bundesrepublik zieht die DDR den kürzeren, kein Zweifel. Sie liegt noch immer zurück. Aber der Abstand beträgt nicht mehr zwölf, fünfzehn Jahre, wie 1964, als das erste ZEIT-Team sich auf die Reise in ein fernes Land begab. Vielleicht bemißt er sich heute nur noch auf sechs, acht Jahre. Und wichtiger für die DDR-Bürger ist ohnehin, wie sie bei dem Vergleich ihrer Lage heute mit ihrer Lage damals abschneiden. Da ist die Bilanz eindeutig positiv. Drüben hat sich ein zweites deutsches Wunder vollzogen – ein gedämpftes, gebremstes Wunder, aber dennoch. Und für die siebzehn Millionen Deutschen in der DDR liegt Hoffnung in Honeckers Wort: "Das Erreichte ist noch lange nicht das Erreichbare."

Nächste Woche:

Nina Grunenberg: Die Führungselite der DDR