Wilster

Am letzten Sonnabend im April – der Stunle Null in Tschernobyl – saß der Arzt Ulrich Harder, Atomkraftgegner aus der Wilster Marsch, bei einer Fortbildung im Kieler Sozialministerium. Thema: "Notfallschutz in der Umgebung kerntechnischer Anlagen." Nachdem am Montag die Katastrophe bekannt geworden war, begann Harder Unterschriften zu sammeln.

Am 31. Mai inserierten 89 Ärzte – knapp die Hälfte aller Mediziner im Kreis Steinburg – in der Wilsterschen Zeitung und in der Norddeutschen Rundschau: "Sollte sich ein atomarer Unfall ereignen, zum Beispiel in Brokdorf, Stade, Brunsbüttel oder Krümmel, so möchten wir Ihnen helfen, aber bei einer hohen Strahlenbelastung gibt es keine wirkliche Hilfe." Die Unterzeichner riefen ihre Patienten und Leser auf: "Verdrängen Sie nichts, resignieren Sie nicht, sondern fordern Sie mit uns die Beendigung der wirtschaftlichen und militärischen Nutzung der Atomenergie weltweit."

Auch Katharina Schwingel, Frauenärztin in Wilster, setzte ihren Namen unter die Anzeige. Seit Tschernobyl wird sie immer wieder nach Risiken der Strahlung gefragt. Besteht Gefahr für die Schwangerschaft? Dürfen Kinder draußen spielen?

Eine Patientin, seit längerer Zeit wegen unerfülltem Kinderwunsch in Behandlung, ist zur Pille zurückgekehrt. "Sie war erheblich aufgewühlt", stellte die Ärztin fest, wie sie überhaupt bemerkte, "daß Leute sich Gedanken machen, von denen man nicht unbedingt annimmt, daß sie sich Gedanken machen."

Viele Mediziner durfte man bis Tschernobyl wohl durchaus dazuzählen. Eine große Überraschung war es denn auch für die Ärztin, als sie am selben Tag in der Norddeutschen Rundschau eine zweite Anzeige entdeckte. "Wann wachen wir auf?" fragten 33 Ärzte und Ärztinnen aus dem Kreis Dithmarschen. Reaktionen blieben nicht aus. "Viele Patienten finden es gut, daß die Ärzte sich äußern", sagt Maya Steppeier-Ackermann, Allgemeinärztin in Wilster.

Inzwischen kam die Replik aus dem Atomkraftwerk. Udo Janssen, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit bei der Preußen-Elektra, sprach den Ärzten in der Wilsterschen Zeitung "jede Sach- und Fachkompetenz" ab. Der Betriebsarzt Dr. Dr. Günter Heinemann ergänzte, seine Kollegen seien von "banaler Sorge" geplagt, die sie niemals mit dem Titel des Arztes hätten in Verbindung bringen dürfen.

Nun, vielleicht halten sie es mit dem Arzt Pit Rüppell aus Kirchbarkau bei Kiel, der den Kraftwerksbetreibern in einem offenen Brief ein Zitat Ulrike Meinhofs entgegenhielt: "Wir können Euch nicht zwingen, die Wahrheit zu sagen, aber wir werden Euch zwingen, immer unverschämter zu lügen." Ulrich Stock