Von Klaus Pokatzky

Die Polizisten sollten bestens gerüstet in die Schlacht ziehen, physisch wie psychisch. Zur gewohnten Marschverpflegung, belegten Broten und Obst, bekamen sie ein kaltes Kotelett gesteckt. Und ihr Befehlshaber, der Leiter der Polizeidirektion Schleswig-Holstein West, erläuterte ihnen auf 13 Seiten, "an alle Einsatzkräfte", wie und wofür sie in Brokdorf und um Brokdorf herum zu streiten hätten.

Drei Seiten wurden darauf verwendet, den nach Tschernobyl möglicherweise verunsicherten Polizeibeamten die Angst vor dem Atom zu nehmen. "Vor den Gefahren der Kernenergie" würde man sich hierzulande "in erster Linie" durch den "richtigen und verantwortungsbewußten Umgang mit der Kerntechnik" schützen – "unterstützt durch die sicherheitstechnische Einrichtung der Kernkraftwerke". Dafür gebe es die gesetzlich vorgeschriebenen Genehmigungsverfahren; "durch das Auslegen der Betriebspläne vorErteilung der Baugenehmigungen" sei außerdem "die Möglichkeit gegeben, daß die betroffenen Bürger, Fachleute, Sachverständige und politische Gruppierungen Einwände und Verbesserungsvorschläge machen können". Fazit der Polizeiführung: "Dieses demokratische Verfahren trägt zu einer größtmöglichen Sicherheit der bei uns gebauten Kernkraftwerke bei." Ja, warum demonstrieren dann die Leute überhaupt noch, dürfte sich mancher Polizeibeamte auf den nassen Wiesen der Wilster Marsch gefragt haben.

Die Gefahr, so suggerierte die Polizeiführung ihren Beamten, komme ja ohnehin aus anderer Richtung. "Ich kann nicht ausschließen, daß einige von Ihnen in Gefahr geraten oder gar verletzt werden", formulierte der Einsatzleiter drei Tage vor dem Ereignis an seinem Schreibtisch. "Durch konzentrierten Einsatz, ausreichende Stärke in den Abschnitten und rechtzeitige Anwendung von Zwangsmitteln gegen die Gewalttäter soll dieser Gefahr entgegengewirkt werden."

Eine solch gründliche, dazu auch noch schriftliche Einweisung der Demonstrations-Polizisten ist nicht die Regel. Normalerweise wird es kurz und knapp und mündlich gehandhabt. "Dann und dann ist dort ’n Einsatz; das ist der Einsatzanlaß, darum geht es und das ist unsere Aufgabe", umschreibt Peter Kelling, der stellvertretende Leiter der Hamburger Bereitschaftspolizei, das gängige Schema. Zwei seiner Hundertschaften waren in Brokdorf dabei. Freitagmorgen, also einen Tag vor der Demonstration, war für sie Dienstantritt. Um vier Uhr sind ihre Mannschaftswagen aufgebrochen und um 5.30 Uhr in der Bundeswehr-Kaserne in Appen eingetroffen, ihrer Unterkunft.

Dort krochen die Soldaten gerade aus ihren Betten, mit den Polizeikollegen aus Hamburg hatten sie noch gar nicht gerechnet. "Nichts war vorbereitet, die Stimmung war beschissen und aggressiv", schildert Michael Prützel, Personalrat und Mitglied des Fachgruppenvorstandes der Schutzpolizei in der Hamburger Gewerkschaft der Polizei (GdP). Beim Einsatz hat er als Beobachter fungiert. Schließlich erbarmte sich der Bundeswehr-Kommandant, ließ die Stuben vorzeitig räumen, und von zehn Uhr bis Mitternacht zogen die Bereitschaftspolizisten in die Vier- und Sechs-Bett-Zimmer ein.

Nun hätten sie zwar schlafen können, aber "da pennt natürlich kaum einer", glaubt GdP-Mann Prützel. Von nachts um zwei bis Samstagmittag haben sie dann eine Kontrollstelle auf einer Nebenstrecke errichtet – "verantwortlich für die Abnahme von gefährlichen Gegenständen", wie ihre Aufgabe lautete. Die Nacht über regnete es, mal nieselnd, mal in Strömen. Als sie mittags auf die Wiesen am Kraftwerk geschickt wurden, waren ihre Lederjacken durchnäßt und "dreimal so schwer", wie Michael Prützel empfand. "Die Stimmung war auf dem Nullpunkt." Geschimpft wurde auf die Einsatzleitung und auf die "Scheißdemonstranten", die "Chaoten". Um 18.00 Uhr, nach der Schlacht, bekamen sie, im Kraftwerk, ein warmes Essen, eine als "vorzüglich" gelobte Gulaschsuppe. Anschließend ging es ab nach Hamburg. Dienstende: 22.00 Uhr. Nächster Dienstbeginn: Sonntag, 10.00 Uhr. Dienstanlaß: Brokdorf-Demonstration auf dem Hamburger Heiligengeistfeld.