Von Klaus-Peter Schmid

Wenn du Glück hast", so sinnierte der SPD-Abgeordnete Wolfgang Roth, "hast du vier oder viereinhalb Erholungsjahre, dann kommt die Rezession. Das ist in diesem Wirtschaftssystem unvermeidlich. Wir haben immer damit leben müssen." Das war während der jüngsten Haushaltsdebatte, Anfang September vor dem Deutschen Bundestag.

Inzwischen steckt die deutsche Wirtschaft mitten im verflixten vierten Jahr des Aufschwungs. Schon aus diesem Grund konnte die Zahl, die Wirtschaftsminister Martin Bangemann vergangene Woche verkünden ließ, nicht besonders erfreulich sein: Im ersten Quartal 1986 ist das Bruttosozialprodukt im Vergleich zu den drei letzten Monaten des vergangenen Jahres um 1,5 Prozent zurückgegangen. Eine negative Wachstumsrate – war das bereits der Anfang vom Ende dessen, was Bangemann als "ein zweites deutsches Wirtschaftswunder" in Aussicht gestellt hatte?

Natürlich mag niemand glauben, daß der im vierten Quartal 1982 gestartete Aufschwung bereits kippen könnte. Finanzminister Gerhard Stoltenberg sprach beschwichtigend von einer "momentanen konjunkturellen Verzögerung". Staatssekretär Otto Schlecht vom Wirtschaftsministerium rechnet gar mit einer "erheblichen Beschleunigung der Wachstumsdynamik" und mit einer Wachstumsrate von 3 bis 3,5 Prozent für dieses Jahr.

Doch ins Konzert der Optimisten mischten sich Dissonanzen. Das Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung in München stellte Ende Mai fest, wichtige konjunkturelle Indikatoren zeigten nach unten, und "angesichts der geschrumpften Auftragsreserven und der seit Monaten zunehmenden Skepsis der Unternehmer bezüglich der weiteren Entwicklung" bleibe die Zukunft ungewiß.

Als professioneller Pessimismus, der "bei uns in Form einer Gebetsmühle heruntergeleiert wird" (Bangemann), läßt sich solche Skepsis nicht abtun. Denn hinter der negativen Wachstumsrate für das erste Vierteljahr 1986 stecken drei rückläufige Posten: Investitionen, Ausfuhren und Bauaktivität. Entscheidend aber ist: Der private Verbrauch, der als entscheidende Triebkraft für einen weiteren Aufschwung gilt, nahm im Quartalsvergleich nur um ein mickriges Prozent zu, viel weniger als erwartet.

Die amtliche Erklärung für den Schwächeanfall: Auch im vergangenen Jahr war das erste Quartal schlecht, der lange und harte Winter hemmte die Expansionskräfte und lähmte die Bautätigkeit, die Aufwertung der Mark bremste die Exporte, und zu allem Überfluß sorgte auch die frühe Osterwoche noch für jede Menge Urlaub. Also kein Grund zur Unruhe.