Von Horst Bienek

Ich werde die gespenstische Szene nicht vergessen: Als ich Jorge Luis Borges besuchte, 1974, in Buenos Aires, im Flugzeug hatte ich gelesen, daß Perón zum zweitenmal an die Macht gekommen war. Das Volk hatte ihn gewählt und die Gewerkschaften, die waren für ihn in Generalstreik getreten, überall in der Stadt stand geschrieben PERON AL PODER.

Ich war mit Borges verabredet, in der "Biblioteca Nacional", deren Direktor er war. Er stieg aus dem Taxi, überquerte raschen und sicheren Schrittes die Eingangshalle, ging die Treppe hinauf, ohne sich am Geländer festzuhalten. Er war schon fast blind, aber er kannte sich auf das genaueste aus: Seit vielen Jahren war er jeden Tag diesen Weg gegangen. Doch an diesem Tag war etwas Neues passiert. Er war vom Diktator Perón entlassen – und keiner wagte es, das dem alten weltberühmten Dichter zu sagen.

Ich war ihm nachgegangen, in sein. Arbeitszimmer. Er wollte Kaffee für uns haben und rief die Sekretärin. Niemand war da, das Telephon schon abgestellt. Er wollte mir den Lesesaal zeigen. Bibliothekare und Wärter verschwanden, sobald sie ihn sahen, in irgendwelchen Zimmern. Der Lesesaal war wegen der "Machtergreifung" geschlossen. Wir waren allein. Borges zeigte mir die alten Bücher, berührte mit den Händen die vertrauten Pergamente und Lederrücken, so als wollte er mit dem Hautnetz die Erinnerung darin lesen. Und ich sah dabei in seinem Gesicht, wie er auf einmal die Wahrheit begriff. Es war sein letz- – ter Tag als Direktor. Der Blinde in der Bibliothek. Das ist mehr als nur eine Metapher. Die ganze Welt war ihm eine Bibliothek. Die Bibliothek zu Babel. Er las darin auch mit geschlossenen Augen.

Es gab manche Mißverständnisse über seine politischen Anschauungen. Er verbreitete, im Alter, konservative Ansichten – manche hielten das für reaktionär. Es gab auch ein gefälschtes Interview, das für Aufsehen sorgte. Borges hat es dementiert.

Nein, er war kein Benn, kein Pound, kein Céline. Er war immer gegen Diktaturen und Unterdrückung gewesen. Und, freilich, für eine Aristokratie des Geistes. In Lateinamerika wurde das nicht immer verstanden. Die einfachen Postulate haben es da leichter.

Überhaupt hatte Borges in Europa mehr Ansehen und Ruhm als auf seinem Kontinent. Ein so vom abendländischen Denken geprägter, universaler, ja enzyklopädischer Geist, den hat man da gar nicht begriffen. Natürlich war auch bei uns das Staunen groß über seine phantastischen Erfindungen in den "Ficciones", die 1961 bei Hanser unter dem Titel "Labyrinthe" erschienen und für eine Sensation sorgten. Da war ein so neuer Ton, eine so ungewöhnliche Thematik, so überraschende Konstruktionen, daß uns einfach der Atem wegblieb. Es gab Kafka – und jetzt Borges. Nicht zufällig nannte man gewisse Situationen kafkaesk oder: borgesk.