Von Ernst Tugendhat

Wer, wie ich, zu den sicherheitspolitischen "Tauben" gehört, muß immer wieder die Erfahrung machen, daß er seine Gesprächspartner, wenn sie sogenannte "Falken" sind, nicht überzeugen kann, obwohl er glaubt, die besseren Argumente zu haben. Woran liegt das?

Wenn man in einer Argumentation, die rational zu sein versucht, an fundamentale Verständigungsgrenzen stößt, kann das nur heißen, daß entweder die eine oder die andere Seite oder beide von Vorurteilen bestimmt sind. Ein Vorurteil ist eine Meinung, die einer Korrektur durch Logik und Realität nicht oder nur begrenzt zugänglich ist; man bezeichnet sie insofern als irrational. Eine Meinung ist nicht schon irrational, wenn sie schlecht begründet ist, sondern wenn der Betreffende nicht bereit ist, Gründe, die gegen sie sprechen, ernst zu nehmen, er ist dann nicht in der Lage, seine Meinung desinteressiert zu überprüfen. Er hat Interessen, die ihn daran hindern.

Ich möchte hier nach den möglichen irrationalen Faktoren in den Auffassungen sowohl der Falken als auch der Tauben fragen. Die irrationalen Faktoren sind natürlich auf beiden Seiten dort zu vermuten, wo die direkte Argumentation versagt. Das geschieht nach meiner Erfahrung an den Stellen; wo es sich um Einschätzungsfragen handelt, die empirisch nicht eindeutig zu beantworten sind. Es ist dies erstens die Frage, für wie gefährlich man die Russen hält, zweitens die Frage, für wie wahrscheinlich man bei der jetzigen Militärpolitik den Ausbruch des Atomkrieges hält. Die Falken werfen den Tauben in der ersten Frage, die Tauben den Falken in der zweiten Frage Naivität bzw. Realitätsverleugnung vor.

Bei Einschätzungsfragen können sich Vorurteile besonders leicht auswirken, denn wo sich etwas eindeutig beweisen läßt, kann niemand außer in extrem pathologischen Fällen an der gegenteiligen Meinung festhalten.

Wenn es sich bei diesen irrationalen Faktoren um Interessen handelt, so liegt es nahe, sie als psychologische zu verstehen, und deswegen kann man bei der vorhandenen psychologischen Literatur ansetzen.

Hier mag die psychoanalytische Zugangsweise besonders naheliegend erscheinen, weil die Psychoanalyse gerade die irrationalen und unbewußten Faktoren unseres Seelenlebens zu erforschen versucht. Kein Wunder also, daß es eine psychoanalytische Literatur zu diesem Thema gibt. Da gibt es die Schriften von Horst Eberhard Richter, besonders das Buch "Zur Psychologie des Friedens" (1982), die Arbeiten von Carl Nedelmann, ein von ihm mit Hellmut Becker zusammen verfaßtes Büchlein "Psychoanalyse und Politik" (1983) und den einführenden Artikel in dem von ihm herausgegebenen Buch "Zur Psychoanalyse der nuklearen Drohung" (1985).