Von Nina Grunenberg

Vor zweiundzwanzig Jahren schrieb Marion Dönhoff: "An jener Schranke, die Berlin in zwei ungleiche Hälften teilt, erwarten uns ein Wagen des Forum und ein Mitarbeiter dieser Zeitschrift, die der ‚Freien Deutschen Jugend‘ gehört. Unser Begleiter, Dr. Kurt Ottersberg, 36 Jahre alt, ist hauptamtlich Dozent der Humboldt-Universität. Er ist mehrfach in der Bundesrepublik gewesen und ertrug unsere, dem kommunistischen Gläubigen ganz ungewohnt, frivole Ironie mit großer Fassung. Drüben stellt man sich nämlich nicht in Frage und man spottet auch nicht, dazu sind die Zeiten zu ernst..."

Frage an den Begleiter – zweiundzwanzig Jahre später: "Erinnern Sie sich noch an damals?" Kurt Ottersberg, ein mittelgroßer, agiler Mann in Beamtengrau, das Haupthaar schon ein bißchen schütter, die Sprache thüringisch gefärbt, brach unvermittelt in großes Gelächter aus – ohne Scheu und mit soviel, Ironie, daß die harmlose Frage plötzlich naiv zu klingen schien. "Wie arrogant ihr damals wart", sagte er ohne Umschweife, verfiel in Nachdenken und setzte schließlich hinzu: "Und wie arm wir waren."

Vor zweiundzwanzig Jahren hatte Ottersberg keinen Anzug, in dem er die Gäste von drüben hätte begrüßen können, erzählte er. Er mußte erst zur FDJ gehen, damit die ihm einen besorgte. Gehabte Sorgen: Ihn heute nach der Zahl seiner Anzüge im Schrank zu fragen, ist müßig. Ihm ist anzusehen, daß er solche Probleme nicht mehr hat.

Diesmal traf er uns nicht am Grenzübergang, sondern in der "Bibliothek" des Palast-Hotel in Ost-Berlin, einem viereckigen, fensterlosen Raum im Herrenzimmer-Stil, der von Tokyo bis Los Angeles in keinem internationalen Kongreßzentrum anders ausfallen würde: ein Séparée für Prominententreffe. Ottersberg, der zur Erinnerung an die Tage von damals zu unserer Begrüßung gekommen war, hatte am Abend selber noch ein Essen zu geben – im gleichen Zimmer, am gleichen Tisch – und hielt sich bei der "Edelfisch-Variation" als Vorspeise und dem Haxenfleisch als Hauptgang zurück. Er ist inzwischen Direktor für Internationale Verbindungen im Fernsehen der DDR, ein Job, der ihm offensichtlich soviel Befriedigung bringt, daß er sich selber noch um ihn beneiden könnte, aber über den Bewirtungs-Streß singt er das gleiche halb-genierte Wohlstandsklagelied wie ein West-Manager in ähnlicher Position.

Seine Ernennung zum Direktor erhielt er 1964 – nachdem die erste ZEIT-Reisegruppe die DDR wieder verlassen hatte. Hat der Feuerstuhl, auf dem er damals gesessen haben muß, ihn denn so glatt nach oben befördert?

Das war ein bißchen platt, und Ottersberg sagte nichts, aber er lachte wieder. So unvorbereitet war er in das damalige Abenteuer ja nicht gegangen. Der Apotheker-Sohn aus der Gegend von Jena ist gelernter Historiker und hatte in den fünfziger und sechziger Jahren vom Forum den Auftrag, die westdeutschen Studentenverbände und ihre Politik zu beobachten.