Für den Zeitungsleser wäre es eine äußerst lange und auch langweilige Lektüre: 1300 Exemplare von der Größe und Dicke der ZEIT, in denen weder Bilder noch Überschriften, sondern nur die vier Buchstaben A, C, G und T in gemischter Reihenfolge abgedruckt sind. Molekularbiologen jedoch würden in einem solchen Buchstabenfriedhof eine "Bibel" sehen, die ein Geheimnis des menschlichen Lebens enthält – das gesamte Erbgut eines einzigen Menschen.

Wie das britische Wissenschaftsmagazin Nature berichtet, trägt sich das amerikanische Energieministerium mit dem Gedanken, die Grundlagen für den Druck dieses Werkes zu schaffen. 1,8 bis 3,6 Milliarden Dollar werden für das gigantische Projekt veranschlagt. Die Schrift, mit der die Erbinformation in der DNS (Desoxyribonukleinsäure) gespeichert wird, ist zwar einfach; sie besteht aus nur vier Buchstaben, dargestellt durch die chemischen Verbindungen (Basen) Adenin (A), Cytosin (C), Guanin (G) und Thymin (T). Doch die Länge dieses Schriftmoleküls machte es bis jetzt unmöglich, das gesamte Erbgut eines Menschen zu entziffern: 3,5 Milliarden dieser Buchstaben sind in ihm aneinandergereiht. Gedruckt würden sie etwa alle bisher erschienenen ZEIT-Ausgaben füllen. Dennoch trägt jeder Mensch diese Information im Kern jeder einzelnen Zelle seines Körpers (mit Ausnahme der roten Blutkörperchen).

Bei einer Konferenz, die das amerikanische Energieministerium kürzlich in Santa Fe im Bundesstaat New Mexico veranstaltete, überlegten Wissenschaftler, wie sie eine Karte des menschlichen Erbguts aufstellen könnten. Favorisiert wurde der Plan, das Erbgut Chromosom für Chromosom mit bestimmten Substanzen – "enzymatischen Scheren" – in relativ große Stücke zu zerschneiden. Sie sollen sortiert und weiter in handliche, kleine Einheiten zerlegt werden, die sich dann relativ einfach automatisch "lesen" ("sequenzieren") lassen. Größtes Problem bei dem Unternehmen ist es, die Übersicht in dem Puzzle aus zerschnippelten DNS-Stücken zu behalten.

Da ein Institut allein unmöglich dieses Riesenprojekt übernehmen kann, strebt das amerikanische Energieministerium ein dezentralisiertes Programm an. Mark Bitensky vom Los Alamos National Laboratory, der wahrscheinlich die Koordination übernehmen wird, hofft auch auf eine Beteiligung der Europäer. "Das Interesse in Europa ist bereits hoch", meinte er in Santa Fe.

Von einigen Konferenzteilnehmern waren aber auch kritische Töne zu hören. Sie äußerten die Befürchtung, daß das Projekt zu viele Forschungsmittel binden würde, und daher andere wichtige Arbeiten zu kurz kommen könnten. Fred Blattner von der Universität Wisconsin schlug vor, sich erst einmal die DNS eines kleineren Organismus vorzunehmen.

Aber auch die Frage, wessen DNS untersucht werden soll, bereitet den Wissenschaftlern noch Kopfzerbrechen. Eine Möglichkeit wäre, das Erbgut verschiedener Menschen einzubeziehen – zum Beispiel, indem jeweils eine Person ein Chromosom zum kompletten Satz beisteuerte. Vielleicht hat ja ein recht unkonventioneller Vorschlag, der in Santa Fe geäußert wurde, eine Chance: Der genetisch gläserne Mensch solle durch einen internationalen Wettbewerb ermittelt werden. Sieger wäre jene Person, die am meisten zu dem Projekt beitragen könnte. Christine Broll