In einem von der FIFA herausgegebenen Fair-Play-Knigge für die Fußballweltmeisterschaft 1986 wird das Entblößen der Brust mit zehn Strafpunkten, ein grobes Foul mit anschließendem Platzverweis nur mit drei Strafpunkten geahndet. Warum? Weil sich die reale Fußballhandlung zu einem universellen Zeichenereignis verflüchtigt hat.

Begonnen hatte alles mit der Weltmeisterschaft in Spanien 1982. Der Trainer des späteren Weltmeisters Italien machte Aufsehen mit seinen eleganten Anzügen. Deswegen wurde Italien Weltmeister. In der hausbackenen deutschen Mannschaft fiel lediglich Littbarski durch eingefärbte Strähnen und durch umgehängte Kettchen auf. Im Mannschaftsgefüge wirkte das eher exotisch. Das Fossil des modernen Fußballs, Jupp Derwall, verhinderte die postmoderne Kodierung seiner Spieler. Unter seinem Nachfolger ist das anders.

Beckenbauer kommt es ganz entschieden darauf an, in den Medien Eindruck und einen guten Schnitt zu machen. Unliebsamen Berichterstattern droht er Tod durch Ersticken an. Hierin eine "Entgleisung" sehen zu wollen, ist völlig abwegig, denn Beckenbauer hat erkannt, daß Sport Mord ist, freilich nur auf der Zeichenebene. Ihn stört es nicht, wenn seine Spieler sich gegenseitig zerfleischen, wenn im symbolischen Raum des Trainings, wo Fußball nur simuliert wird, der Torwart Schumacher seinem Kollegen die Unterschenkel poliert. Auch das Opfer Herget vermag hierin kein Unrecht zu erkennen. Die Fouls sind eben nur Zeichen.

Und Fußball ist laut Beckenbauer kein Schach, was nicht heißt, daß Fußball hirnlos wäre. Bernd Schuster darf in der deutschen Mannschaft nicht mitspielen, weil er – so Rummenigge – den Intelligenzquotienten eines ausgelutschten Teebeutels hat. Mit anderen Worten: Schuster ist zwar ein ausgezeichneter Fußballspieler, aber er ist zu dumm, um in der Nationalmannschaft das Leder führen zu dürfen. Schuster muß noch die Lektion lernen, daß sich beim neuen Spielertyp der Wille zur Gestaltung auf die Gestaltung des eigenen Körpers beschränkt. Ein auf dem Rasen herumhechelnder Schuster verstieße grundsätzlich gegen das Design der deutschen Mannschaft.

Die Anhebung des allgemeinen Bildungs- und Geschmacksniveaus im deutschen Team läßt sich ablesen an dem, was auf den Körpern sprießt und sich wellt. Das Haar ist zum Schlüsselereignis geworden. Sah man Uwe Seeler noch die zehntausend Kopfbälle an, die er im Training und im Spiel geschlagen hatte, so kommt man beim Anblick der beiden Dreitagebartträger Herget und Schumacher gar nicht auf die Idee, Fußballer vor sich zu haben (während sich unterdessen der Teamchef unverdrossen für elektrische Rasierapparate abmüht). Rummenigge hat in Italien gelernt, wie Terence Hill zu gucken; und Littbarski sorgt sich um ein Outfit, das ihn gefährlicher aussehen läßt, als er ist. Kurz: Mit einigen Ausnahmen (Briegel, Hoeneß) wirkt die deutsche Nationalmannschaft wie eine Crew aus Dressmen und Jungmanagern (zuzüglich eines nachdenklichen Intellektuellen). Vom Gehalt her sind sie es ja auch.

Mit diesem Design hat der deutsche Fußball als einer der konsequentesten in der Welt die proletarischen Fesseln seiner Herkunft abgestreift. Hier arbeiten keine "Prolos" im Schweiße ihres Angesichts, hier entscheiden gewiefte Zeichentheoretiker über Sieg und Niederlage. Sie decken den Raum und bauen Abseitsfallen, vom harten körperlichen "Tackling" reden die Sportreporter nur noch im abwertenden Sinne. Man geht zum Gegner auf Distanz.

Um so näher sind sich die elf Freunde auf dem Platz. Früher, als man noch Fußball mit dem Fuß spielte, merkten so gut wie alle Fußballer auf, wenn "Schorsch" gerufen wurde und wenn sie nicht gerade Uwe hießen. Heute hat sich ein zwanghaftes Kindein verbreitet, zart wird jedem Kollegen ein "i" angehängt: Toni, Rudi, Ulli, Kaili, Litti usw. Bei einigen geht das nicht. Wie hört sich das an: "Maggi"? Felix Magath wird es sich verbitten, von Rummenigge mit einem Brühwürfel verglichen zu werden. Diejenigen, denen man kein "i" anhängen kann, haben es schwer in der deutschen Fußballnationalmannschaft.

Wie eine Flut sind die Zeichen des Fußballs über die Sportreporter der bundesdeutschen Medien gekommen: Die karierte Hose wurde zum Signal-Hit. Sogar der Tennisreporter Pohmann trägt eine solche karierte Hose, obwohl sonst zwischen denen, die im deutschen Fernsehen über Fußball berichten, und jenen, die am Tennisplatz hocken, gravierende Unterschiede gemacht werden. Aber unaufhaltsam lösen sich die realen Differenzen in den postmodernen Medienereignissen auf. Die Fußballweltmeisterschaft sei so echt wie eine mexikanische Drei-Peso-Münze, die es nicht gebe, wurde in einigen Tageszeitungen gemunkelt. Recht haben sie. In Wirklichkeit ist die Fußballweltmeisterschaft schon längst am grünen Tisch entschieden worden. Sie wird jetzt nur nachgespielt. Klaus Bartels