Ein Vorschlag zur Güte: Wie wäre es denn, Bonn so zu nehmen, wie es geworden ist, ein bißchen hausbacken, ziemlich bieder, oft schlicht? Das Niveau also nicht zu hoch ansetzen, bitte, und auf zu große Worte verzichten.

"Zensur" heißt es zum Beispiel, weil die Bundesregierung, von ihrem Sprecher Friedhelm Ost angeregt, die Sendungen der Fernsehanstalten zur "internen" Information beobachten und kommentieren läßt. Zensur? Nein, der Druck auf Rundfunk und Fernsehen findet anderswo und auf andere Weise statt. Harmlos und banal klingen die Randbemerkungen, die arme, geplagte Mitarbeiter des Presseamtes "freiwillig" anfertigen dürfen oder müssen. Mal erscheint ihnen der Korrespondent Fritz Pleitgen als zu einseitig, mal Klaus Bednarz (Monitor) zu kritisch. Der Kanzler übrigens, wen wundert’s, erscheint dem Beobachterkommando als "überzeugend".

Was soll denn so ein Beamter auch anderes sagen? Man muß ja von irgendwas leben, im Zweifel übt man halt freiwillige Selbstzensur.

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Die Spatzen pfeifen es von den Dächern: Für die nächsten Monate planen die Energieunternehmen eine große Aufklärungskampagne in Sachen Tschernobyl und Atom. Denn, nicht wahr, nicht die Technik ist falsch, sondern die Öffentlichkeit denkt falsch.

Eine Ouvertüre in diesem Sinne hat die "Vereinigung deutscher Elektrizitätswerke" mit einer großen Anzeige in deutschen Tageszeitungen geliefert. Überschrift: "Die Bundesärztekammer zu Tschernobyl". Die VDEW druckt damit in ganzer Anzeigenlänge eine Stellungnahme ab, die der Präsident der Ärztekammer, Karsten Vilmar, abgegeben hatte. Tenor: Nach den "zuverlässigen Urteilen von Experten" war alles halb so schlimm, und im übrigen hat es der Kanzler mit dem neuen Umwelt- und Reaktorminister schon richtig gemacht. Und das drei Tage vor den Wahlen in Niedersachsen. Protest aus den Reihen der Ärzte folgte prompt.

Übrigens hatte sich die Bundesärztekammer zum Kongreß der Friedensärzte in Köln eine Art Selbstzensur auferlegt, sie nahm nicht teil: Sie wolle sich nicht in Politik einmischen. Aber was ist PR-Arbeit für Energieunternehmen anderes als einseitige, ja massive Politik?