Was ihnen einst Alpträume und frühes Leid bescherte, tragen junge Leute heute mit Gleichmut

Vor einigen Jahren befanden sich einige Bunnies aus dem Playboy-Club von Los Angeles in einer schwierigen Lage. Einerseits erwartete man von ihnen am Ort ihres Wirkens ein strahlendes Lächeln, andererseits riskierten sie regelmäßig ihren Job, wenn sie es vorschriftsmäßig ausführten: denn die Zähne, die waren nicht danach. Hilfe fanden die Bedrängten bei einem ortsansässigen Zahnarzt, der den Mädchen mit unsichtbaren Innenspangen den Arbeitsplatz erhielt.

Sehen wir uns hierzulande um, so scheint es, als unternähme die einheimische Zahnärzteschaft alles, um es zu solchen Verzerrungen am Arbeitsmarkt erst gar nicht kommen zu lassen. Ja, gäbe es eine internationale Rangliste der Zahnregulierungen, wir mischten ganz oben mit. Rund 1,2 Millionen Jugendliche in der Bundesrepublik tragen so eine Spange unterm Gaumen. Das macht ungefähr ein Viertel bis die Hälfte der Klassen fünf bis zehn.

Es soll an dieser Stelle nun nicht kleinlich darum gerechtet werden, wie wir anderen mit den naturbelassenen Zähnen überhaupt durchs Leben kommen. Zu berichten ist vielmehr von der Macht der Mode und davon, wie konkrete Mehrheitsverhältnisse wieder mal das Selbstwertgefühl regulieren. Vor gar nicht langer Zeit war ja das Einsetzen einer solchen kieferorthopädischen Apparatur noch mit frühem Leid verbunden, und Alpträume legten sich den Betroffenen auf die Seele. Manch einer, der so ein Ding verpaßt bekam, versenkte es entschlossen auf dem Schulweg im Ranzen. Doch als dann die ersten rosa und zartgrünen Kästchen für die Zahnspange wie von ungefähr am Gürtel elfjähriger Mädchen erschienen, da war das Gerät aus Draht und Plastik zur sozialen Stigmatisierung einfach nicht mehr geeignet.

Flüchtige Kenner der jugendlichen Psyche ergreift ja heutzutage manchmal Erbarmen beim Anblick total verminter Kiefer. Das brauchte nicht: Sie tragen die Spange nicht mit Begeisterung, aber sie tragen sie mit der Würde und dem Gleichmut von Leuten, die wissen, daß sie einfach dazugehört, wenn du auf direktem Weg eine strahlende Schönheit, ein normaler, dem Leben offen zugewandter Mensch werden willst. Bei der Wahl, ob sie das Kopfgeschirr mit der Aufhängung über den Ohren lieber am Tag oder in der Nacht anlegen wollen, entscheiden sich manche für die Schulstunden. Zum Fasching gehen sie mit fester Außenspange als Marilyn Monroe, und wenn der Mittelstufenchor singt, dann blitzt es metallen von der Bühne.

Nein, den Streß, den haben wir nicht mehr auf seelischem Gebiet, den haben wir anderswo. So selbstverständlich die Klammer unterm Gaumen sitzt, so lästig ist sie, wenn sie dort nicht bleiben kann. "Wohin mit der Zahnklammer?" ist die Frage in vielen Lebenslagen – beim Restaurantbesuch, beim Fußballspiel oder wenn einen die Lust ankommt, herzhaft in einen Apfel zu beißen.

Die Plätze, an denen Familien sie geschlossen suchen, sind denn auch vielfältig wie das Leben selber: Zahnspangen finden sich in Kaffeetassen und Bettritzen, auf dem Zwischenboden und im Wäschekorb. Auf Reisen fallen sie in Gletscherspalten. Dramatisch wird es, wenn man den Rasen vor dem Schwimmbad durchkämmen muß.

Wo das enden wird, weiß niemand. Ausgenommen vielleicht Äskulap und eine Gruppe Tübinger Studenten, die spaßeshalber einen ganzen Bezirk kiefermäßig untersucht und dabei nur 3,4 Prozent der Schulkinder mit einem völlig normalen Gebiß angetroffen haben. Ulla Plog