Pekings Modernisierungspolitik hat die Armut in den chinesischen Dörfern beseitigt – Ein Modell für die Dritte Welt?

Von Gabriele Venzky

Linquan/China, im Juni

Die ungepflasterte Schlaglochpiste läuft schnurgerade durch eine Gegend, die an die norddeutsche Tiefebene erinnert. Ein flaches, grünes Land reicht bis zu einer niedrigen Hügelkette am Horizont. Dicht und kräftig steht der Weizen, soweit das Auge reicht. Am Dorfeingang macht die Straße einen abrupten Knick und endet in knietiefen Furchen, aufgewühlt von Traktoren und Pferdewagen. Eine kleine Steinbrücke wölbt sich zierlich über den Bach. Rechts am Wehr schlagen Frauen ihre Wäsche, links planschen laut schnatternd wohlbeleibte Enten. Trauerweiden lassen ihr frisches Grün ins Wasser hängen, aus den Schornsteinen der soliden, akkurat verputzten Felssteinhäuser steigt lichter Rauch – eine chinesische Idylle.

Linquan heißt dieses kleine Dorf: 400 Häuser und 2500 Menschen im Kreis Fengyang, mitten in der chinesischen Provinz Anhui. Fast alle Leute heißen Wang hier, bis auf die Frauen aus den Nachbardörfern, die wie eh und je vom Heiratsvermittler an den Ehemann gebracht worden sind. Wang heißt der Sekretär der Kommunistischen Partei, Wang heißt die Vorsitzende des Frauenrates, Wang heißt der erst 29jährige Bürgermeister – ein Technokrat und damit im Trend, wie ein Dorfbewohner versichert –, und Wang Hongchai heißt der Bauer, in dessen kleinem Wohnzimmer wir einen brandneuen Farbfernsehapparat der Marke Sharp finden, der den Besitzer 1018 Yuan gekostet hat (ein Yuan sind ungefähr 80 Pfennig).

"Jedes Haus hat hier einen Fernseher", sagt der Bauer Wang. Zur Hälfte wird sein Wohnzimmer von dem traditionellen chinesischen Holzbett ockupiert, auf dem sich die bunten, seidenbezogenen Steppdecken in ordentlichen Quadraten stapeln. Im Fernsehen läuft zwischen zwei Shows Reklame für Waschmaschinen, Digitaltelephone, Uhren, Staubsauger, Kühlschränke, Motorräder, Gesichtslotion, Zahnpasta und Seife, als wäre dies das Natürlichste von der Welt. Wo sind wir eigentlich? Im Staat der blauen Ameisen?

"Blaue Ameisen gibt es nicht mehr", sagt Wang und klopft sich lachend auf den Bauch. "Früher hatten wir alle hier Hunger. Jetzt gibt es genug zu essen. Außerdem haben wir noch Geld in der Tasche." Die Frage nach den "großen drei", Armbanduhr, Fahrrad und Nähmaschine, vor zehn Jahren noch Traumziele der Chinesen, wird fast verächtlich abgetan. Die Wangs haben inzwischen viel mehr: einen riesigen Kassettenrekorder für 1287 Yuan, einen Ventilator, sorgfältig unter einem gestickten Goldfisch verborgen, ein Radio, Marke "Rote Laterne", eine Waschmaschine, Modell "Kleiner Schwan" und eine schreiend rote Plastikgarnitur.