Kredite für die Dritte Welt: Milliardensummen flössen in falsche Kanäle

Von Rudolf Herlt

In einem klimatisierten Büro in Buenos Aires geht Julio Alberto, der Inhaber einer großen Häute-Exportfirma, seiner Lieblingsbeschäftigung nach – er schreibt Rechnungen. Dabei dürfen ihm nur die fünf leitenden Angestellten, seine Vertrauten, über die Schulter sehen. Denn Albertos Rechnungen sind absichtsvoll falsch ausgestellt, nämlich zu niedrig. Die letzte Partie an Häuten, die an die Leatherhouse Inc. in Chicago ging, hat einen Wert von umgerechnet 800 000 Mark. Auf die Rechnung schreibt Alberto jedoch nur eine Summe, die umgerechnet 500 000 Mark ausmacht. Der Clou: Die Differenz von 300 000 Mark überweist sein Geschäftspartner aus Chicago nicht nach Buenos Aires, sondern auf ein Konto des Julio Alberto bei der Chase Manhattan Bank in New York.

In Caracas wundert sich Arturo Sanchoz gar nicht, daß die Rechnungen für seine aus den Vereinigten Staaten und aus Großbritannien eingeführten Maschinen zur Exploration von Öl stark überhöht sind. Er begleicht die weit über den Warenwert hinausgehenden Summen unverdrossen, kann er doch sicher sein, daß seine Lieferanten die zuviel gezahlten Beträge auf Konten in New York und in Zürich einzahlen, die auf den Namen Sanchoz lauten.

Am Grenzübergang zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten in Laredo passieren auffallend viele Mexikaner mit Handkoffern die Grenzkontrollen. Natürlich hat ein Reisender für seine persönlichen Dinge einen Koffer bei sich. Wen kümmert es schon, daß außerdem eine Menge großer Dollarnoten mittransportiert wird? Sollte ein Zollbeamter eine neugierige Frage stellen und das Öffnen des Koffers verlangen, wird er durch eine angemessene Summe rasch von seinem Vorhaben abgehalten. Eines der ersten Häuser auf amerikanischem Boden beherbergt eine Bank.

Das sind drei erfundene, der Wirklichkeit aber nahekommende Streiflichter mit einem gemeinsamen Bezug – der Kapitalflucht. Der Erfindungsreichtum der Geld- und Kapitalbesitzer ist groß, wenn es darum geht, das Vermögen in Sicherheit zu bringen. Kapital ist scheu wie ein Reh, es sucht ganz schnell das Weite, wenn ein Land nicht mehr attraktiv genug ist.

Attraktiv ist ein Land für Kapital nur, wenn es Sicherheit und gute Zinsen bietet. Sicherheit heißt, die Währung darf nicht unter Abwertungsverdacht kommen, es darf keine Verstaatlichung privater Unternehmen drohen, es dürfen keine Kapitalverkehrskontrollen ins Haus stehen. Ein wichtiges Lockmittel für Kapital sind hohe Zinsen. Die aber