An der Ecke Polanco/Campos Eliseo in Mexiko City ist sonntags morgens Hochbetrieb. Hier arbeitet eine Tortilla automatico. Fünftausend Maisfladen verlassen stündlich ein Band, das von Ketten und Zahnrädern bewegt wird. Man kann zusehen, wie der Fladen portioniert wird, verschiedene Hitzestationen durchläuft, sich aufbläht und am Ende platt, knusprig und heiß von flinken Fingern gestapelt wird. Fünf Stück kosten fünfzig Pesos (ungefähr sechzehn Pfennig).

Tortillas sind Grundnahrungsmittel in Mexiko. Ohne Tortillas keine Mahlzeit, doch viele können sie sich einfach nicht mehr leisten. Der Tortilla-Bäcker beschreibt die Stufen der Teuerung: "Vor einem Jahr gab es zwanzig Stück für einhundert Pesos. Vor vier Wochen immer noch fünfzehn. Jetzt kommen die Leute mit Coupons, damit sie zwölf für einhundert Pesos kriegen." Die Regierung hat in den letzten sechs Wochen Bons ausgeben lassen, damit sich die Ärmsten verbilligte Tortillas kaufen können.

In Mexiko sind 25 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung ohne feste Tätigkeit. Weitere fünfzehn Prozent gehen nur gelegentlich einer Arbeit nach. Die Zahl von sechzigtausend bettelnden Kindern in Mexiko City ist weder amtlich noch nachprüfbar, doch wahrscheinlich. An belebten Verkehrskreuzungen ruinieren Feuerschlucker ihre Gesundheit für Pfennigbeträge. Überall arbeiten Kinder: als Zeitungsverkäufer, vor den Fußballstadien als Ausrufer, in den Straßen als fliegende Händler mit allerlei Krimskrams. Was das soziale Gefüge von unten her instand hält, ist die immer noch intakte mexikanische Familie. Wo nur einer ein wenig verdient, können schon wieder fünf bis acht Personen – nicht selten drei Generationen – Tortillas essen.

Das städtische Proletariat vegetiert an den Stadträndern. Ähnlich wie in den New Yorker Stadtteilen Brooklyn oder Harlem ist ein sorglos abgestellter Personenwagen in der Nähe des neuerbauten Neza-Stadions binnen kurzer Zeit aller beweglichen Teile beraubt. Hier gehen Kinder unterm Joch, das Trinkwasser zu holen. Das Abwasser verdampft in der Sonne, und der Wind weht die ausgedorrten Überbleibsel über die Stadt. Menschlicher Erfindungsgeist hat ganze Stadtteile aus Petroleumkanistern, Konservendosen, Wellblech, Hartpappe und ausgebauten Autotüren errichtet. "Warum", fragt der Gringo den Ortskundigen, "warum wohnen diese Menschen hier, und warum kommen täglich an die dreitausend vom Land hinzu?" Die Antwort: "Weil es ihnen auf dem Land noch dreckiger geht."

Mexikos Massen treiben tiefer und tiefer in Armut und Elend. Das Schlimmste: Das Tempo der Talfahrt nimmt ungebremst zu, Anfang dieses Jahres stiegen zwar die gesetzlichen Tages-Mindestlöhne um 32 Prozent, aber weil die Preise viel schneller davonliefen, konnten damit bestenfalls die Hälfte der Kaufkraftverluste aufgefangen werden. Wer vergangenes Jahr seine Pesos behielt, statt sie sofort auszugeben, verlor in der Größenordnung von sechzig Prozent.

In diesem Jahr galoppieren die Preise noch schneller, ein Minimum von achtzig Prozent Inflation befürchten nicht nur Pessimisten. Es war kaum mehr als ein Trostpflaster, daß die Regierung im Juni die Basislöhne schon wieder aufstockte – diesmal um 25 Prozent. Gut zweitausend Pesos müssen nun offiziell dem Tagelöhner im Gebiet der Hauptstadt Mexiko City als Minimum gezahlt werden, doch er steht trotzdem auf der Verliererseite. Gegenüber dem Vergleichsjahr 1981 ist seine Kaufkraft auf beinahe die Hälfte geschrumpft.

Noch krasser als die innermexikanische Schwindsucht des Pesos signalisiert der rapide Wertverfall nach außen den drohenden Kollaps der Wirtschaft. Anfang der achtziger Jahre gab es für weniger als dreißig Pesos noch einen US-Dollar, vor einigen Tagen mußten dafür auf dem freien Markt siebenhundert Pesos und mehr hingelegt werden.