liza Sinclair, Witwe des auf See verschollenen Kapitäns Francis Sinclair, sorgte auf das beste für ihre Familie: 1864 ließ die Schottin sich mit ihrem pazifischen Clan, den Sinclair-Robinsons, in Hawaii nieder. König Kamehameha V. offerierte ihr für 10 000 Dollar die zweitkleinste seiner Hauptinseln, Niihau. Die resolute Frau griffzu, legte damit den Grundstein für das heute noch prosperierende hawaiianische Imperium der Robinsons und schuf ein Refugium des alten Hawaiis – Niihau ist immer noch Privatbesitz, für niemanden zugänglich. Die Insel ist ohne Strom und Polizei, ohne Hospital und gepflasterte Straßen. Die rund 200 Einwohner sprechen noch ausschließlich hawaiianisch und wollen ihre selbstgewählte Isolation im Gestern um keinen Preis aufgeben.

Ein größerer Gegensatz als zwischen dem weltabgeschiedenen Niihau – und dem theoretisch nur 30 Jet-Minuten entfernten – Waikiki ist kaum denkbar, Waikiki, der weltberühmte Badestrand von Honolulu, ist ein Mini-Manhattan mit bis zu vierzigstöckigen Wolkenkratzern, mit Verkehrs- und Parkplatzproblemen, mit "24-hours-entertainment".

Waikiki wäre die Alternative für Witwe Sinclair gewesen. Der Herrscher hatte ihr auch den bevorzugten Badestrand der königlichen Familie für denselben Preis angeboten, nebst einem mächtigen Anteil am Hinterland bis hinauf in die Berge, die Hawaiis Hauptinsel Oahu wie eine Trennwand teilen. Eliza inspizierte das Land hinter dem schmalen, heute weltberühmten Sandstreifen und lehnte dankend ab; was sollte sie mit diesem versumpften Terrain voller Schlamm und Moskitos. Das war kein Land zur Rinderzucht.

In der Tat, das einzig akzeptable Gelände von Waikiki war damals der Strand, zwar nicht allzu breit, aber gesegnet mit einem Wellengang, der auf hohen Wasserbergen am Riff die königliche Kunst des Surfbrettreitens ermöglichte, aber in den milde ausrollenden Wogen auch sanfte Badefreuden vergönnte. Letzteres sollte Waikiki zum (neben der Copacabana) meistgepriesenen "Tropenparadies" machen – und zu einem der teuersten Immobilienreservate des Globusses. Für die 10 000 Dollar von einst bekäme Witwe Sinclair heute vermutlich keinen Vorgarten mehr in Waikiki.

Und das, obgleich die Grundstückspreise heute keineswegs auf Rekordhöhe sind. Dafür sorgten ein Stadtplanungskonzept, das weiteren Wildwuchs auf den wertvollsten Quadratmetern zwischen Hongkong und Los Angeles verhindern will, und eine Rezession, die in den vergangenen beiden Jahren erhebliche Einbrüche in Hawaiis wichtigstem Wirtschaftszweig, dem Tourismus, bewirkt hat. Der starke Dollar verführte damals die Amerikaner zu Reisen nach Europa und Asien, während die Japaner, die zweitgrößte Besuchergruppe, die hohen Dollarkurse nicht mehr verkraften konnten. Als schließlich auch noch United Airlines – mit Abstand die bedeutendste Fluglinie für Hawaii – in einen ausgedehnten Streik geriet, wackelte die ohnehin fragile Ökonomie des 50. US-Bundesstaates. Er ist auf Gedeih und Verderb dem Tourismus ausgeliefert, seit "King Cane" (Zuckerrohr) abgedankt hat, die Ananasplantagen einen aussichtslosen Kampf gegen die billigere Konkurrenz in Asien führen und die Ausgaben für die Militärbasen stagnieren.

Rund 4,9 Millionen Touristen tragen jährlich etwa 4,6 Milliarden Dollar nach Hawaii – überwiegend nach Waikiki. Der Staat und seine unterfinanzierte, nicht sehr professionell wirkende Touristenorganisation wissen mit dieser wirtschaftlichen Monokultur nicht so recht umzugehen. Die Zeichen stehen derzeit zwar günstig für Hawaii, weil der schwache Dollar mehr Japaner nach Honolulu bringt und mehr Amerikaner nach Ferienzielen im eigenen Währungsgebiet Ausschau halten (auch wegen der Furcht vor Atomstrahlen und Terroristen im Ausland) – aber dennoch birgt die jetzt vom Parlament verabschiedete "Touristensteuer" viele Risiken: Zusätzlich zu den vier Prozent Umsatzsteuer werden, wenn der Gouverneur zustimmt, auf jeden Hotel- und Pensionsübernachtungspreis weitere fünf Prozent aufgeschlagen. Neun Prozent pro Nacht, das ist ein happiger Aufschlag für ein Urlaubsziel, das mit Kalifornien, Florida und den US-Inseln in der Karibik konkurriert. Vor allem Kalifornien und Florida können mit geringen Flug- und Aufenthaltskosten locken. Hawaii, eine der abgelegensten Inselgruppen der Welt, ist wegen der langen Transportwege einer der teuersten Flecken der USA.

Die Hoteliers, Gastronomen und Kaufleute von Waikiki sind unzufrieden mit den Politikern, besonders wegen der neuen Steuer. Nicht, daß sie einhellig dagegen gewesen wären, aber sie hatten gefordert, daß zumindest ein Teil dieser Einnahmen (zirka 55 Millionen Dollar jährlich) nur für touristische Projekte benutzt werden darf, beispielsweise für zusätzliche Werbekampagnen oder für das ihrer Meinung nach dringend erforderliche Konferenzzentrum. Letzteres ist notwendig, um Hawaii im Tagungstourismus ein zusätzliches Geschäftsgebiet zu erschließen. Bislang kommen Waikikis US-Besucher überwiegend als individuelle Sonne-und-Strand-Touristen oder als Incentivegruppen, organisiert von Firmen, die Mitarbeiter für besondere Leistungen belohnen. Das lukrative Geschäft mit großen Tagungen geht mangels geeigneter Räume an Hawaii vorbei.