Eine der berühmtesten philosophischen Schriften unseres Jahrhunderts, Quines Abhandlung "Die zwei Dogmen des Empirismus", erörtert ausführlich den logischen Status des Satzes: "In Elm Street steht ein Backsteinhaus." Das Beispiel ist sprichwörtlich geworden, und Elm Street gehört inzwischen zum Lande der Philosophen wie das Neue Atlantis oder Gaunilos Insel, aber nur wer die amerikanische Provinz kennt, weiß, warum Quine diesen Namen gewählt hat.

In New York wissen die Taxifahrer nie, wo eine Straße ist, und hoffen, daß wir es ihnen sagen, während wir in den Kleinstädten hoffen, daß die Taxifahrer es wissen, da wir die Straße nie finden würden. In New York kennt der Taxifahrer die Straßen nicht, weil er entweder seinen Beruf erst seit kurzem ausübt oder weil er es schon ein Leben lang tut und psychisch labil geworden ist. Der New Yorker Taxifahrer weiß zwar, wo er die Ecke Fifth Avenue und Fünfundsechzigste Straße findet, weil er sie wie mit Radar suchen kann, aber wenn wir ihm sagen, er solle uns in die Charlton Street fahren, flucht er und beginnt auf die Kommunisten zu schimpfen. Oder er schlägt uns nieder.

Genau umgekehrt verhält es sich in den Provinzstädten, die nicht nur immer die gleichen Namen wie andere Provinzstädte haben, sondern auch Straßen mit immer den gleichen Namen, die wir auch in anderen Städtchen finden. In Amerika heißen die Straßen Elm, Johnson, Decatur, Grand, Prince und Lincoln Street und natürlich Broadway und Main Street. Das einzige, was passieren kann, ist, daß in einem Städtchen (das, sagen wir, Greenville heißt) Elm Street in weiter Ferne von Prince Street eine Kreuzung mit Decatur bildet und auf Main Street endet, während in einem anderen Städtchen (das leicht ebenfalls Greenville heißen kann) Elm mit Prince eine Kreuzung bildet und weit entfernt von Decatur in gerader Linie auf Johnson Street zuläuft. Beachten wir außerdem, daß sowohl an der Ecke Elm und Decatur Street in Greenville wie an der Ecke Elm und Prince Street in Greenville das gleiche rote Hinweissschild "Discount" steht. Kein Wunder, daß wir uns, wenn wir viel reisen, nicht mehr zurechtfinden. Wir bewegen uns wie auf einem Planeten aus Kaugummi (während ihn jemand kaut), dessen Räume sich ständig zerdehnen und zusammenziehen, überlagern und amalgamieren.

An diesem Punkt denken wir an die tröstlichen europäischen Städte, deren Straßen jede eine Lokalgeschichte erzählen. Die amerikanischen Städte wurden bekanntlich in wenigen Tagen erbaut, die auf dem Weg nach Westen waren und nicht nur keine lokalen Erinnerungen hatten, sondern auch in der neuen Stadt die Straßen wiederfinden wollten, die sie in der Stadt ihrer Herkunft verlassen hatten. Außerdem hatten sie keine Phantasie im Erfinden von Namen, ihr historisches Universum reicht nicht weiter als eben bis zu Lincoln, Decatur und ein paar anderen.

Vorgestern fuhr ich auf einer Landstraße an der Peripherie einer mittelgroßen norditalienischen Stadt entlang und hatte plötzlich ein sonderbares Gefühl von déjà vu. Ich kreuzte eine Reihe gerader, neuangelegter Straßen, deren Namen nicht in verblaßten Farben auf abgeblätterten Mauern standen, sondern in klarem Blau auf weißen freistehenden Emailleschildern. Und mir war, als wäre ich an dem Ort schon gewesen, nur ein paar hundert Kilometer weiter im Süden oder im Osten. Ich fand lauter alte Bekannte wider: Alcide de Gasperi, Don Minzoni, die Gebrüder Cervi, Gramsci, Don Sturzo, den Fünfundzwanzigsten April ...

Angesichts einer Partisanen-Allee wußte ich gleich, ohne je dort gewesen zu sein, daß ich darin nach fünfzig Metern flache Fabrikhallen antreffen würde mit Aufschriften wie Sifea, Sicam, Soceva, Segisa, dann einen Supermarkt mit langgezogenem S, einen Kindergarten und die Diskothek Bing Bang oder Top Kapi. Ich wußte, daß ich so gut wie sicher keine Via Montale oder Via Rossellini antreffen würde. Was Namen betraf, war die Welt der Stadträte, die uns die neuen Kathedralen in der Wüste der städtischen Peripherien beschert haben, genauso begrenzt wie die der amerikanischen Pioniere.

Ich weiß noch nicht so recht, welche Moral ich dieser Geschichte entnehmen soll, irgendeine wird es schon geben. Einstweilen streife ich durch die endlosen Weiten der Poebene und halte, den Blick in die Ferne gerichtet, Ausschau nach einem Sheriff.

Aus dem Italienischen übersetzt von Burkhart