In Niedersachsen erfolgreich, für Bonn fragwürdig: Die Union setzt auf Polarisierung

Von Rolf Zundel

Gegen neun Uhr abends am Tag der Niedersachsenwahl, die monatelang die politische Phantasie erregt, die große Hoffnungen und Befürchtungen beflügelt hatte und die am Ende fast in den Rang eines Weltereignisses gerückt worden war, sagte ein ausländischer Journalist, der verlassen im längst stillgewordenen Ollenhauerhaus herumstand: "Jetzt kann ich eigentlich in Urlaub fahren."

Fast hatte man ihm zugestimmt. Was vorher die Gemüter umgetrieben hatte, war ja verflogen wie eine Wolke am sommerlichen Abendhimmel: Stürzt Albrecht? Übersteht Kohl den Rückschlag? Wie arrangiert sich der Sozialdemokrat Schröder mit den Grünen, ohne daß der Kanzlerkandidat seiner Partei Schaden leidet? Was hat Tschernobyl bewirkt? Die Bundesrepublik schien wieder dorthin gefunden zu haben, wohin sie der Kanzler immer schon führen wollte: zurück zur Normalität.

Dem Wahlresultat jedenfalls ist von seiner dramatischen Vorgeschichte kaum noch etwas anzusehen. Es bleibt im Rahmen des Üblichen und ließe sich auch nach dem Muster der letzten Landtagswahlen erklären.

Schwere Verluste der CDU, kaum weniger als letztes Jahr in Nordrhein-Westfalen und im Saarland, allerdings nicht ganz so schmerzhaft. Ein Rekordergebnis wie 1982, errungen, als die Bonner sozial-liberale Koalition in Agonie lag, konnte niemand erwarten; und immerhin hat Albrecht, wenn auch mit der knappsten denkbaren Mehrheit der Mandate, sein Amt behalten. In Niedersachsen ist die CDU, dank der FDP, noch einmal davongekommen. Die Bundesratsmehrheit wurde nicht gekippt. Die Bonner Oppositionsparteien haben, gemessen an der letzten Bundestagswahl, der Union in Niedersachsen nur zwei Prozent der Stimmen abknöpfen können. Die Analytiker vom infas-Institut sprechen deshalb vom "bekannten Oppositionseffekt", aber in "eher moderner Form".

Einzug der FDP in den Landtag, nicht triumphal wie im Saarland, nicht selbstbewußt wie in Nordrhein-Westfalen, eher mit Hängen und Würgen und nach einem angstvollen Schlußgalopp. Politisch interessant war an dieser Partei wenig; was sie in Niedersachsen von der CDU unterschied, ließ sich mit bloßem Auge nicht mehr erkennen. Sehr sichtbar war am Ende nur ihre Funktion: Die FDP wurde zur Mehrheit gebraucht. Und dies (vielleicht auch ihre Korrekturfunktion in Bonn) wird bei der Bundestagswahl noch deutlicher werden. Für die Bundespolitik jedenfalls gilt immer noch der Satz: Es ist fast unmöglich, von der FDP nicht regiert zu werden.