Vom 29. Juni bis 16. August: 83 Konzerte an 15 Orten – und man träumt von noch mehr

Von Heinz Josef Herbort

Das wünschten sie sich heute noch einmal: "Da zogen nach der Hand viel feine Musici sukzessive dahin, fürnehmlich aus der Capelle zu Dresden und Wolffenbüttel, und gerieht die Kapelle in große renommee." Solcher Glanz freilich liegt seine reichlichen dreihundert Jahre dahin: Herzog Friedrich III. und sein Sohn Christian Albrecht zeigten zwischen 1616 und 1694 auf Schloß Gottorf sich selber und ihren Gästen, daß auch Schleswig-Holstein sich eine exzellente Hofmusik leisten könne. Wobei nicht unterschlagen werden soll, daß daran nicht unmaßgeblich die sanfte Gewalt einer Frau und der gute Geschmack dieser angeheirateten sächsischen Kurfürstentochter (Marie Elisabeth) beteiligt waren. Qualität wie Quantität der musikalischen Produktionen jedenfalls sind überliefert in der rund 1840 (!) Kantaten und Sonaten umfassenden Sammlung Bokemeyer (heute je zur Hälfte in Berlin-Ost und -West, Stiftung Preußischer Kulturbesitz), die der letzte "würkliche" Gottorfer Kapellmeister Georg Oesterreich zusammentrug.

Dreihundert Jahre. Inzwischen hat ein besonders übler Leumund einen ursprünglich auf die Friesen gemünzten Satz auch weiter nach Nordosten getragen: Holsatia non cantat – Holstein singt nicht. Wirklich nicht? Die Statistik könnte auch hier alles – und alles anders beweisen.

Schleswig-Holstein: Das sind heute gut 2,6 Millionen Einwohner, rund 4,3 Prozent der Bevölkerung der Bundesrepublik auf 6,3 Prozent ihrer Fläche – nach Niedersachsen und Bayern das am dünnsten besiedelte Bundesland. Ein "normales" Land: mit einer Bevölkerungsstruktur, die mit dem Bundesdurchschnitt in vielen Bereichen nahezu identisch ist, mit Bürgern, die etwas weniger verdienen, aber auch weniger ausgeben müssen. Ein in weiten Teilen "strukturschwaches" Land, das von seinem Neun-Milliarden-Haushalt 100 Millionen für Kultur im weitesten Sinne abzweigt – wie viele davon in die Musik fließen, läßt sich so detailliert nur noch für die Haushaltsexperten ausmachen.

Ein Land, in dem drei kommunale Musiktheater mit ihren Orchestern für jährlich 330 000 Zuschauer 460 Opern, Ballette, Operetten und Musicals aufführen sowie 70 Konzerte geben (die privaten wie kommerziellen Initiativen sind nicht erfaßt); in dem an 20 Musikschulen 20 000 Schüler eine Amateur-, an einer Musikhochschule 340 Studenten eine Berufsmusiker-Ausbildung erhalten; in dem 15 Musikbibliotheken existieren; wo in 53 Vereinen 2700 Trompeter, Hornisten und Posaunisten, in weiteren 34 Gruppen 1000 Akkordeonspieler, in 400 Chören 13 500 Sänger aktiv sind.

Für dieses Land will nun ein Pianist, Justus Frantz, geboren in der Nähe von Posen, aufgewachsen aber im heutigen Ostholstein, ein "Schleswig-Holstein Musik Festival" veranstalten, mit 83 Konzerten an 15 verschiedenen Orten.