Die Idee war: von morgens bis abends abwesend zu sein, ohne ausgehen zu müssen. "Wenn das Telephon klingelt", hatte Frau S. gesagt, "nicht abnehmen; wir sind einfach nicht da." Sie wollte ihren Geburtstag in Ruhe begehen, unter Ausschluß der Öffentlichkeit.

Um neun Uhr klingelte es zum erstenmal. "Das ist sicherlich Hermi", sagte sie, "die kommt immer als erste." Ein bißchen Bedauern, daß man den Hörer nicht abnehmen durfte, ließ sich aus den Worten schon heraushören; Hermi ist immerhin eine echte Freundin.

Aber dann, als das Telephon endlich schwieg, fühlten wir uns erleichtert. "Siehst du, so einfach ist das, man muß nur konsequent sein."

Kurz darauf schrillte es wieder. Nach den ersten Signalen äußerte Frau S. die Vermutung, daß es Hermi ("sie ist ja so anhänglich") sicherlich noch einmal versucht habe. Als es dann unablässig weiterklingelte, meinte sie, das könne doch wohl nur Tante Erna sein. "Mein Gott, die muß doch langsam merken, daß keiner zu Hause ist."

Wir fieberten dem nächsten Klingelzeichen entgegen; und je länger es einer versuchte, bei uns telephonisch vorzudringen, desto weniger mochten wir ihn. Unser Telephon machte uns langsam, aber sicher mürbe. Wir wünschten inständig, mithören zu können, ohne abnehmen zu müssen. Nach dem fünften oder sechsten Anruf meinte Frau S. ziemlich aggressiv: "Das wäre doch mal ’ne Erfindung wert."

Da die Erfinder noch nicht soweit sind, blieb die Frage: "Wer kann das bloß sein? auch nach dem zehnten Anruf unbeantwortet. Und je weiter dieser Geburtstag fortschritt, desto sicherer waren wir uns der Erkenntnis, daß der Mensch für den Daseinskampf sehr schlecht ausgestattet ist, wenn er sich plötzlich ausschalten will aus der gebräuchlichen Technik.

Bei jedem Klingeln zuckten wir zusammen, als hätten wir etwas Böses getan. "Das könnte Tante Anni sein", sagte Frau S., "vielleicht braucht sie unsere Hilfe." – Schließlich hatten wir nur noch Menschen am Telephon, denen wir unsere Hilfe versagten.