Ernst Albrechts CDU muß sich auf schwierige Jahre einrichten

Von Carl-Christian Kaiser

Hannover, im Juni

Den ruhigen Tag des 17. Juni hat Ernst Albrecht auch in seinem Haus im Flecken Beinhorn vor Hannover in selbstverordneter Klausur verbracht, um sich darüber klarzuwerden, wie nach der Niedersachsenwahl die kommende Wegstrecke beschaffen sein wird. Und man kann sich ohne weiteres vorstellen, daß er, dessen privater Arbeitstisch im weitläufigen Wohnraum seines Refugiums steht, darüber inmitten seiner Familie nachgedacht hat. So sehr auf sich zurückgenommen und konzentriert kann der alte und neue Ministerpräsident sein, auch mittels autogenem Trainings, daß ihn dann schier nichts mehr von außen erreicht.

Um so schwieriger läßt sich erkennen, was ihn nach dem Wahltag bewegt. Er war gewarnt. Auf die allerjüngsten demoskopischen Befunde gestützt, hatten ihn seine engsten Helfer noch am Samstag vor dem Stimmgang darauf vorbereitet, daß die künftige Mehrheit für ihn nur ganz knapp, ja hauchdünn ausfallen könnte, vielleicht sogar weniger als ein Prozent. Was Wunder, wenn das Hauptquartier der niedersächsischen CDU, in das der Regierungschef am Wahlabend zunächst gefahren war, für Neugierige strikt verschlossen blieb. Aber kein Wunder auch, daß Ernst Albrecht, als er dann, wüst umdrängt, in den niedersächsischen Landtag kam, auf den ersten Blick wie erlöst wirkte. Ein Prozent Vorsprung, tatsächlich, für das erklärte Bündnis zwischen Union und FDP vor den Sozialdemokraten und den Grünen. Ende einer Zitterpartie.

Seitdem ist Gelassenheit Trumpf. Doch Ernst Albrecht spricht von ihr eine Spur zu oft und zu demonstrativ, als daß sie völlig glaubhaft wäre. Gewiß sind genügend Gründe zur Hand, das Wahlergebnis als bloße Rückkehr zur Normalität hinzustellen. Die absolute CDU-Mehrheit vor vier Jahren war eine Ausnahme gewesen, gleichermaßen bewirkt vom immer deutlicheren Zerfall der sozial-liberalen Koalition in Bonn wie vom noch steigenden Stern des niedersächsischen Landeschefs. Jetzt hingegen gab es ein ganzes Bündel störender oder sogar niederziehender Umstände: vor allem die tiefe Irritation durch Tschernobyl, dann der "Bonner Seitenwind", von der verbreiteten Wählerunlust an Helmut Kohl bis zu den Querelen mit Bauern und Gewerkschaften. Und nicht zuletzt gab es im Lande selber einen neuen sozialdemokratischen Herausforderer, der auch wirklich zur Herausforderung wurde.

Unbestrittene Führungskraft