/ Von Egbert Baqué

Es war einmal ein Boom. Erfindung von Verlagsstrategen, Naturereignis oder Alibi eines noch immer allzu sehr auf den europäischen Nabel hypnotisierten Literaturbetriebs (das verehrte Publikum darf sich angesprochen fühlen) – es ist müßig, darüber zu spekulieren. Freilich, nach wie vor werden lateinamerikanische Texte übersetzt, gedruckt, aber sie werden zu selten gekauft, vor allem, zu wenig gelesen. Verkaufserfolge, wie Isabel Allendes Buch „Das Geisterhaus“, bleiben die Ausnahme.

Bedauerlich und unverständlich das gefährlich pauschale Urteil des Kritikers Reich-Ranicki in der ZDF-Sendung „Zeugen unseres Jahrhunderts“, die lateinamerikanische Literatur werde „maßlos überschätzt“. Wir wollen nicht in das Gegenteil verfallen und der zeitgenössischen europäischen Literatur den Rang streitig machen, der ihr zusteht. Doch macht nicht das schmale Werk des Mexikaners Juan Rulfo manchen Stapel in Europa geschriebener literarischer Texte, kulturhistorischer Abhandlungen über Mexiko und Studien über die alltägliche Gewalt in Lateinamerika hinfällig?

Es ist also nicht verwunderlich, daß sich der willige Leser gelegentlich die Hacken wundlaufen muß, um in Antiquariaten zum Beispiel ein Exemplar eines Romans aufzustöbern, der, als er in der ersten Hälfte der sechziger Jahre in Europa erschien (1967 erstmals in deutscher Übertragung), in zahlreichen Feuilletons als „Jahrhundertbuch“ gefeiert wurde – „halluzinativ“, „ein Delirium“, „Bravourstück von visionärer Kraft“, um nur eine kleine Auswahl von Prädikaten zu zitieren. Ein Jahrhundertbuch – die Anführungsstriche können getrost entfallen, es ist tatsächlich eins – sollte unabhängig von Konjunkturen, ständig lieferbar sein. Die Rede ist vom zweiten Buch einer großen Trilogie, dem Roman „Über Helden und Gräber“. Der Autor ist Argentinier, heißt Ernesto Säbato und wird am 24. Juni fünfundsiebzig Jahre alt. Dies und die erfreuliche Nachricht, daß das erste Buch der Trilogie, „El Tünel“, in deutscher Sprache unter dem Titel „Maria oder die Geschichte eines Verbrechens“, nach langen Jahren wieder in einer Neuauflage vorliegt, sind Anlaß genug für ein paar Zeilen über diesen herausragenden Schriftsteller.

Menschen und Räderwerk

Im vierten Abschnitt des dritten Romans, „Abaddón“, denkt ein gewisser Sábato, Figur im Roman des Autors Sábato, über seinen Geburtstag nach. Nie konnte er zuverlässig herausfinden, ob er am 23. oder am 24. Juni 1911 geboren wurde. Seine Mutter hatte ihn im Ungewissen gelassen. „Es vergingen einige Jahre nach ihrem Tod, da habe ich bei der Lektüre eines jener Bücher über den Okkultismus entdeckt, daß der 24. Juni ein Unglückstag war, einer von den Tagen im Jahr, an denen die Hexen zusammenkommen. Bewußt oder unbewußt hat meine Mutter versucht, das Datum zu leugnen, wenn sie auch die Abendstunde nicht hat leugnen können: eine böse Stunde... Das war nicht das einzige Unheilvolle, was mit meiner Geburt verbunden war. Mein mir unmittelbar vorausgehender Bruder war damals gerade erst gestorben, im Alter von zwei Jahren. Mir hatte man denselben Namen gegeben! Als wenn nicht schon der Nachname gereicht hätte; der leitet sich von Saturn her, in der Kabbala der Engel der Einsamkeit, der Geist des Bösen für bestimmte Okkultisten, der Sabbat der Hexenmeister.“

Was die berufliche Laufbahn von Ernesto Sabato betrifft, so können ungünstige Einflüsse kaum wirksam gewesen sein. Sábato wurde für sein Werk mehrfach geehrt, den Cervantes-Preis, die bedeutendste Auszeichnung für einen Autor spanischer Sprache, erhielt er 1985. Als er sich in den vierziger Jahren der Literatur zuwandte, gab er eine glänzende Karriere als Wissenschaftler auf: Sábato ist ein hochqualifizierter Mathematiker und Physiker und hatte den ersten argentinischen Lehrstuhl für theoretische Physik inne.