Dreieinhalb Wochen dauerte die Gefangenschaft der acht deutschen Aufbauhelfer in Nicaragua, und erst nach massivem diplomatischen Druck ließ die Contra sie frei – gerade noch rechtzeitig, um Präsident Reagans erneuten Anlauf nicht zu stören, vom amerikanischen Kongreß 100 Millionen Mark Hilfe für die antisandinistischen Rebellen bewilligen zu lassen. Daß Außenminister Shultz nachträglich den untauglichen Versuch unternahm, die acht Deutschen als bewaffnete Kollaborateure der sandinistischen Armee anzuschwärzen, paßt fugenlos in den Ablauf der Entführung: Hier sollte mit Geiseln Politik gemacht werden.

Die Brigadisten, die freiwilligen Aufbauhelfer aus Europa und Nordamerika, spielen dabei eine wichtigere Rolle, als vielen von ihnen bewußt ist. Zwischen achthundert und tausend Helfer halten sich, jeweils mehrere Monate lang, in Nicaragua auf. Sie bauen Siedlungen, reparieren Autobusse, beraten Bauern oder leisten medizinische Versorgung. Zum einen Teil errichten sie nur wieder, was im schmutzigen Bürgerkrieg zerstört wird, zum anderen Teil arbeiten sie in dezentralen Projekten der Schulung und Ausbildung, helfen also bei der Entwicklung der ländlichen Infrastruktur mit, deren Fehlen zum drückendsten Erbe der Somoza-Zeit gehört.

Die erste bundesdeutsche Brigade fuhr im Dezember 1983 zur Kaffee-Ernte nach Nicaragua. Ihre Pflückerqualitäten waren dabei weniger gefragt als ihre Anwesenheit – nach der Grenada-Invasion lebte Managua mehrere Monate in der Furcht eines amerikanischen Einmarsches. Seit Frühjahr 1984 ist daraus eine kontinuierliche Aktion geworden. Bis heute sind rund 1700 Bundesbürger in Managua gewesen; etwa tausend hat das rührige Informationsbüro Nicaragua e. V. in Wuppertal vermittelt und organisiert. Die Brigadisten, in Gruppen von zehn bis zwanzig Mitgliedern zusammengefaßt, bleiben im Durchschnitt zwei Monate in Nicaragua – auf eigene Kosten (auch für die Reise), selten in Familien, häufiger in Gemeinschaftshäusern und Kooperativen untergebracht. Sogar für das Essen müssen viele selbst aufkommen; wichtige Lebensmittel sind in Nicaragua rationiert.

Managua sind diese Helfer hochwillkommen. Um Gelder und Formalitäten kümmern sich zwei Stellen in der Hauptstadt; Projekte müssen zumeist mit regionalen Regierungsstellen abgesprochen werden; die praktischen Ergebnisse zählen am Ende nicht so sehr wie die propagandistischen Effekte. Eine in wirtschaftliche Nöte geratene Regierung ist auf jeden Beweis internationaler Solidarität angewiesen. Und bislang ist noch jede Ermordung, jeder Überfall auf einen brigadista für die Sandinisten positiv zu Buch geschlagen – eine Tatsache, die Managuas Haltung sehr stark bestimmt. Als deutsche Aufbauhelfer die Bonner Botschaft in Managua besetzten, um diplomatische Aktionen für die Freilassung der Entführten zu erzwingen, hielt die Polizei sich auffällig zurück: Die Propagandawirkung schien den Behörden wichtiger als der Schutz exterritorialen Geländes.

Auf vertrackte Art und Weise helfen die Contras unfreiwillig bei diesem Geschäft. Den Namen "Freiheitskämpfer" hatten sie bestenfalls einmal vor drei oder vier Jahren verdient; seitdem ist die Contra zu einer Söldnerbande geworden, die mit Mord und Terror ein Regime destabilisieren will – für Lateinamerika durchaus nichts Ungewöhnliches. Solche Gruppen – ob mit dem Etikett links oder rechts, patriotisch oder authentisch – hat es immer wieder gegeben, immer wieder finanziert von anderen Regierungen, Geschäftsleuten oder Gesinnungsgenossen, selten aus idealistischen Motiven, viel häufiger aus höchst verwerflichen Interessen. Für die Sandinisten, in Mittelamerika isoliert, vom Ostblock nur mäßig alimentiert, hängt alles davon ab, den Krieg als ideologische Ost-West-Auseinandersetzung darzustellen: hie Menschenrechte, dort Imperialismus.

Der Propagandakrieg ist deswegen voll entbrannt. Die politische Organisation der Contra prangert die Menschenrechts-Verletzungen an und nimmt dafür Geld von der CIA. Die Sandinisten verlassen sich auf politische Gesinnungsfreunde und das Zeugnis jener Freiwilligen, die in Nicaragua – nach Chile – wieder ein Objekt ihrer Hoffnungen gefunden haben; überdies haben sie genug Geld, um in der Propagandaschlacht mitzuhalten.

Die Urteile der Aufbauhelfer fallen sehr unterschiedlich aus. Die meisten sehen die Armut und Rückständigkeit der nicas, bei denen sie Hilfe zur Selbsthilfe leisten wollen, so daß sie die – schwächer gewordene – politische Belehrung als mehr oder minder unvermeidliche Begleiterscheinung hinnehmen. Das fällt ihnen um so leichter, als die Mehrheit der Bevölkerung, politisch von der Revolution enttäuscht, sich auf das konzentriert, was von Armut und Krieg geplagte Arme ohnehin anstreben: ein Dach über dem Kopf, Essen, ärztliche Hilfe, Schulen, Sicherheit vor Überfällen. In den beiden ersten Jahren haben die Sandinisten durch Selbstorganisation der Landbevölkerung Strukturen geschaffen, die als Vehikel der Indoktrinierung dienen sollten, nun aber unabhängig davon "basisdemokratisch" funktionieren. Viele brigadistas fahren nach dem ersten Einsatz ein zweites oder drittes Mal nach Nicaragua, und dank dieser Erfahrenen bilden sich auch die Projekte heraus: Man weiß, wo es fehlt.

Eine kleine Minderheit kehrt enttäuscht zurück. Die politischen Verhältnisse haben sich in den vergangenen anderthalb Jahren in der Tat verhärtet. Was die von den Sandinisten beherrschte Verfassungskommission bisher vorgelegt hat, nährt nämlich einen alten Verdacht: Die Bürgerkriegssieger sind nicht gewillt, die Macht aus den Händen zu geben. Nicaragua ist nicht auf dem Weg zu einer pluralistischen Gesellschaft, und das durchschlagendste Argument für diesen Kurs liefert der schmutzige Krieg der Contras – und die Art, wie beide Parteien mit den Geiseln umgesprungen sind. Horst Bieber