Wir sind ja blöd. Wir haben ein eigenes Instrument, das wir jedoch ein bißchen als Stiefkind behandelt haben. Da sollte man etwas mehr daraus machen." Die Selbstkritik von Frank Ebbighausen, zuständig bei der Lufthansa für "Passenger Services Department, Manager Regulations and Credit Card Sales", kommt nicht von ungefähr. Weil die Provisionszahlungen der Luftfahrtgesellschaften an die kommerziellen Kreditkartenunternehmen in den letzten fünf Jahren sprunghaft gestiegen sind, haben sich die Airlines wieder an ein Zahlungsmittel erinnert, das sie vor 50 Jahren selbst erfunden hatten: an die grüne Plastikkarte "Air Travel Card" (ATC).

Heute wird die vom Dachverband "Universal Air Travel Plan" (UATP) 1936 eingeführte und in der Bundesrepublik wenig bekannte Karte von über 250 Fluggesellschaften und deren Verkaufsbüros sowie von rund 33 000 IATA-Agenten weltweit als bargeldloses Zahlungsmittel akzeptiert – wenn auch vorerst nur für die Bezahlung von Flugtickets. Ausgegeben wird die ATC von etwa 30 Carriern, darunter auch von der Lufthansa.

In der Bundesrepublik fliegen rund 10 000 LH-Kunden mit der grünen ATC, darunter 400 bis 500 Firmengroßkunden, die zusammen mit den anderen Business-Reisenden rund 80 Prozent des LH-ATC-Umsatzes ausmachen – Ebbighausen nennt dafür dreistellige Millionenbeträge. Weltweit liegt der Umsatz der Fluggesellschaften mit der ATC bei knapp fünf Milliarden Dollar. Er wird in erster Linie von Geschäfts- und Firmenkunden erwirtschaftet.

Wer sich eine ATC zulegen möchte, der zahlt einen einmaligen Betrag von 800 Mark, aber keine laufenden Gebühren. Dafür kann sich der Kunde soviel Kärtchen ausstellen lassen, wie er benötigt: zum Beispiel die P-Karte für den persönlichen Gebrauch, die Q-Karte, mit der auch die Tickets anderer Reisender bezahlt werden können oder die spezielle Firmenkarte M, die in der Regel beim Reisebüro deponiert wird. Eine schriftliche Vollmacht des Karteninhabers genügt dann, um alle anfallenden Ticketkäufe reibungslos abzuwickeln. Vorteil der ATC für Firmenkunden: Sie erhalten monatlich von der Lufthansa eine detaillierte Abrechnung über die gebuchten Flüge und damit eine Separierung der Reisekosten.

Ein weiterer Vorteil, den allerdings auch andere Kreditkartenunternehmen anbieten, liegt in dem Versicherungspaket, das beim Kauf der ATC bereits mit im Preis enthalten ist, "ein wesentlicher Aspekt", so Ebbighausen, "warum Firmen gern mit der ATC arbeiten. Sie bieten ihren Mitarbeitern zusätzliche Leistungen an."

So gewährt der ATC-Reiseunfallversicherungsschutz im Todes- oder Invaliditätsfall pro Flugschein 500 000 Mark. Sollte ein Krankenhausaufenthalt notwendig sein, bekommt der ATC-Inhaber 50 Mark Tagegeld. Nahezu einmalig aber ist der Versicherungsschutz, der zusätzlich für fünf Mark pro Flugschein für ATC-Kunden ausgehandelt wurde: Im Todes- oder Invaliditätsfall zahlt die Versicherung zusätzlich zu den bereits im ATC-Kreditvertrag enthaltenen 500 000 Mark noch 700 000 Mark aus. Hinzu kommen 15 000 Mark für Bergungs- oder Überführungskosten.

Für Lufthansa-Flieger hat die ATC auch den Vorteil, daß in allen Lufthansa-Büros persönliche Schecks bis zu einer Höhe von 300 Mark eingelöst werden können. Zudem lassen sich mit der grünen Plastikkarte der Luftfahrtgesellschaften Bordeinkaufe bezahlen, ebenso die Raten für unbegleitetes Reisegepäck und Übergepäck. Außerdem gilt bei Kooperationsgesellschaften der Luftfahrtgesellschaften wie Avis, Hertz oder der Hotelkette "Interconti" die ATC als "Kreditreferenz" (Ebbighausen). Also brauchen ATC-Inhaber beispielsweise keine Kaution bei den entsprechenden Mietwagenfirmen zu hinterlegen.

Der von den kommerziellen Kreditkartengesellschaften betonte Nachteil der ATC – nur als bargeldloses Zahlungsmittel beim Flugticketkauf einzusetzen – könnte allerdings schon in kurzer Zeit seine Wirkung verlieren. Denn die Lufthansa strebt für ihr ATC ein erweitertes Leistungsangebot an, sie will in traditionelle Bereiche der kommerziellen Kreditkartengesellschaften vordringen, auch Hotelketten, Mietwagenfirmen und Luxus-Restaurants in den Plastikgeld-Service integrieren. In den USA wird gegenwärtig mit gewaltigem Einsatz für die ATC geworben, demnächst will auch die Bundesrepublik nachziehen. Die kommerziellen Kreditkarten-Firmen freilich geben sich gelassen. Ein Sprecher des Hauses Visa-Card: "Wir betrachen die ATC nicht als unmittelbare Konkurrenz." Rainer Schauer