Von Christine Schulz

So was, nein, so was haben wir hier noch nie erlebt!" staunte Hermann Klenner von der Frankfurter Bundesanstalt für Landwirtschaftliche Marktordnung (BALM). "Jetzt haben wir schon fünfzehn Telephone installiert, aber wenn wir fünfzig hätten, ich bin sicher, die stünden auch nicht still."

Was den Abteilungsleiter für Markenmilchpulver in der BALM so aufstöhnen läßt, sind die Folgen von Tschernobyl. Seit Wochen haben Klenners Leute fast nichts anderes mehr zu tun, als besorgten Verbrauchern direkt Trockenmilchpulver aus Altbeständen der Europäischen Gemeinschaft zu verkaufen. Für die BALM, die sonst Waren aus Interventionsbeständen nur an die Industrie vertreibt, ein ungewohntes Geschäft. "Da rufen Mütter, Väter, Oma, Opa, Elterninitiativen an und kaufen, kaufen, kaufen", wundert sich Klenner.

Gedacht war das alles ganz anders: Drei Wochen nach dem Super-GAU und dem anschließenden Atom-Regen auf die Bundesrepublik hatte die Bundesregierung Mitte Mai in Brüssel bei der EG-Kommission eine Sonderaktion Tschernobyl durchgesetzt.

Vier Wochen lang gab die EG für die Bundesrepublik Magermilch-Trockenpulver und Butter, die vor dem 1. Januar 1986 abgepackt wurden, zum Verkauf frei. Für Brüssel ist das eine gute Gelegenheit, den 1,2-Millionen-Tonnen-Butterberg abzuschmelzen und die Trockenmilchpulverhalde von inzwischen 800 000 Tonnen abzutragen.

Sonderkonditionen wurden vereinbart. Die Milchindustrie, die die Ware bei Mindestabnahme von einer Tonne, statt der sonst üblichen zehn, bei der Frankfurter Bundesanstalt bestellen und dann in den Handel bringen sollte, mußte nur den Interventionspreis bezahlen: Die Tonne Butter, abgepackt in 25-Kilo-Blöcken zu 7549,60 Mark, das Milchpulver, ebenfalls in Halb-Zentner-Säcken für 4195,20 Mark pro Tonne. Die Lagerkosten, bei Butter rund 1000 Mark pro Tonne im Jahr, bei Trockenmilch etwa ein Drittel dieser Summe, berechnete die EG nicht. Anders als bei der hochsubventionierten Weihnachtsbutter, für die die Gemeinschaft jedesmal rund zweihundert bis dreihundert Millionen Mark zusätzlich zuschoß, sollte der Handel allerdings diesmal Kosten für Fracht und marktgerechte Verpackung selber tragen. Doch die Industrie zog nicht mit. "Ich mach’ mir doch den Frischmilchmarkt nicht kaputt", schimpfte der Geschäftsführer einer Großmolkerei in Südbayern. Deutlicher wurde der Milchindustrieverband in Bonn. Geschäftsführer Eberhard Hetzner: "Die Nachfrage nach Frischmilch steigt Gott sei Dank wieder. Wir wären doch wahnsinnig, gingen wir jetzt das Risiko ein, uns Trockenmilchpulver hinzulegen." Es gäbe auch praktische Hindernisse. Die Milchindustrie sei "leider" auf Verteilung und Umpacken von Milchpulver nicht eingerichtet. Halb-Zentner-Packs nehme schließlich kein Verbraucher ab. Auch daß die EG den Milchfirmen die Preisgestaltung überließ – aus Bonn kam sogar die Weisung, sie sollten eben den Preis verlangen, "den der Markt hergibt" –, konnte die Firmen nicht locken: Es rentiere sich nicht, außerdem sei die Strahlenangst in wenigen Tagen ohnehin vorbei.

Weit gefehlt. Tagelang suchten besorgte Eltern, die durch Rundfunkmeldungen und in Tageszeitungen von der Aktion Tschernobyl erfahren hatten, im Handel vor allem nach der Trockenmilch – vergeblich. Dann halfen sie sich selbst. Eine Woche nach dem EG-Beschluß hatten sich in Frankfurt bereits drei Elterninitiativen gegründet, die Bestellungen sammelten, bis je eine Tonne beieinander war. In Spielstuben und Second-handshops, in Buchhandlungen und beim Caritas-Verband verkauften sie die strahlenfreie Kindergrundnahrung selbst. Wenige Tage später kamen auch die Leute in Bayern auf den Dreh: Ein Vater aus München, der 30jährige Robert Michaelides und seine schwangere Frau Mechthild, suchten im Wohnblock und über eine Tageszeitung Gleichgesinnte, um sich eine Tonne zu teilen. Daraus wurde eine Großaktion. Michaelides: "Die erste Tonne war in fünfzehn Minuten voll. Nach einer weiteren Stunde die zweite. Nach einer Woche hatte ich Bestellisten für 28 Tonnen Milchpulver."