Von Marion Gräfin Dönhoff

Kein Wunder, daß der gefürchtete 16. Juni in Südafrika einigermaßen glimpflich verlaufen ist. Schließlich hatte die Regierung ja auch ihr schwerstes Geschütz aufgefahren. Weit über 1000 Führer – gewerkschaftliche, kirchliche, politische – waren vor dem zehnten Jahrestag des Aufstands in Soweto verhaftet worden. Der für das ganze Land ausgerufene Ausnahmezustand belegt überdies jede oppositionelle Aktivität, jede kritische Bemerkung mit so drastischen Strafen (bis zu zehn Jahren Gefängnis, körperliche Züchtigung und Verbot gerichtlicher Einmischung), daß Grabesruhe sich über das Land senkte.

Aber wie soll es weitergehen? Präsident Botha kann im Ernst nicht glauben, die Regierung könnte bis zum Ende des Jahrhunderts immer so weitermachen: Verbote, Gefängnis, Folter, Schießereien, Ausnahmezustand... Und doch ist es offenbar dies, womit er sich abfindet. Zu einem wirklichen Wandel ist er nicht bereit. In seiner "Rubikon-Rede" im August 1985 sagte er: "Ich weiß genau, daß die meisten Führer in Südafrika und vernünftige Südafrikaner das Prinzip ‚Ein Mensch, eine Stimme‘ in einem gemeinsamen System nicht akzeptieren werden. Dieses Prinzip würde zur Herrschaft einer Gruppe über die andere und zum Chaos führen. Deshalb lehne ich dies als Lösung ab." Und in seiner Parlamentsrede nach Verhängung des Ausnahmezustands sagte er: "In diesem Klima zunehmender Gewalt ist es einfach nicht möglich, weiter nach einer friedlichen und demokratischen Lösung zu suchen."

Militärische Macht und schrankenlose Autorität sind die Mittel, auf die er allein vertraut. Die Mißachtung von Recht und Gesetz entspringt diesem Geist. Das zeigte sich wieder, als jetzt die Wohnungen durchsucht und Hunderte verhaftet wurden. Dabei ist der Ausnahmezustand, der die Handhabe für diese Verfolgungsjagd bietet, erst zwölf Stunden später erlassen worden. Und daß die Bombardierungen der schwarzen Nachbarstaaten ausgerechnet in dem Moment erfolgten, in dem sich die Commonwealth-Delegation in Südafrika aufhielt, um zu versuchen, Schwarz und Weiß zum Dialog zu bringen, zeugt auch nicht gerade von politischem Takt und diplomatischer Klugheit.

Botha glaubt, die Unruhen seien auf kommunistische Anstifter zurückzuführen, darum müßte diesen mit Gewalt das Handwerk gelegt werden und sogleich werde Ruhe eintreten. Er vergißt, daß die Schwarzen seit Generationen unterdrückt und betrogen werden und nun ein Punkt gekommen ist, wo sie sagen: "Genug ist genug." Es sind ja nicht nur Sharpeville 1960 und Soweto 1966, die sich ihrem Gedächtnis eingeprägt haben. Ihre Leidensgeschichte begann viel früher.

Seit 1854 hatten die landbesitzenden Schwarzen in der Kap-Provinz, in Transkei und Ciskei, dank der Erziehungsarbeit der Missionare das Wahlrecht. Aber als dann 25 Jahre später Diamanten und Gold in Südafrika entdeckt wurden, begann eine industrielle Revolution, deren Bedarf an billiger Arbeitskraft ständig wuchs. Der Prozeß der Entrechtung und Unterdrückung setzte ein und wurde nie mehr unterbrochen. Durch die Native Land Act von 1913 verloren die Schwarzen das Land, das sie besessen hatten; die Neuverteilung ließ den damals existierenden acht Millionen Schwarzen dreizehn Prozent des Territoriums und nahm 87 Prozent für die zwei Millionen Weißen. Und 1936 beschloß das Parlament in Kapstadt, die Schwarzen aus der gemeinsamen Wahlliste zu streichen. Damals wurden auch die Paßgesetze eingeführt, die heute der Anlaß dafür sind, daß jährlich über 200 000 Schwarze für jeweils 14 Tage ins Gefängnis wandern.

Auch der als Kommunist apostrophierte Nelson Mandela, der 1962 wegen Sabotage zu lebenslänglicher Haft verurteilt wurde, ist damals nicht zum erstenmal aufgetaucht. Seit den frühen vierziger Jahren haben er und Oliver Tambo als Studenten zusammengearbeitet. Sie opponierten, protestierten, aber sie waren gegen Gewalt. Sie waren Nationalisten, aber nicht anti-Weiß. Sie waren überzeugte Christen und strikte Anti-Kommunisten. Auch noch, als 1948 die Apartheid als System etabliert wurde und in den folgenden Jahren allenthalben Unruhen ausbrachen, waren sie es, die immer wieder die schwarze Bevölkerung beschwichtigten. Doch schließlich: "Genug ist genug."

Und was soll nun werden? Die Commonwealth-Delegation sagt, es sei hoffnungslos, der Dialog komme nicht zustande; jetzt müsse mit Sanktionen Druck ausgeübt werden. Aber schon die Vietnamesen ließen sich mit Bomben nicht zum Verhandeln zwingen, wieviel weniger die Südafrikaner mit Sanktionen zum Dialog. Es gäbe vielleicht eine Möglichkeit, dies zu erreichen: Präsident Reagan, der mit seiner Politik des constructive engagement Verantwortung auf sich geladen hat, sollte Botha und repräsentative Schwarze als seine Gäste einladen. Südafrikas Antwort auf Sanktionen würde heißen: "den Gürtel enger schnallen." Die Antwort auf die Einladung des amerikanischen Präsidenten könnte eigentlich nur heißen: Ja, wir kommen.