Der schweizerische Aktienmarkt gilt wieder als Geheimtip Warum ist die Stimmung an der Züricher Börse nur so schlecht?" fragte vor kurzem das schweizerische Wirtschaftsblatt Finanz und Wirtschaft, "Warum nehmen die Anleger die guten Meldungen aus der Wirtschaft einfach nicht zur Kenntnis?" Solche Klagen hörte man in den vergangenen Wochen auch vom deutschen Aktienmarkt und tatsächlich weisen schweizerische und deutsche Wirtschaft sowie die Börsen beider Länder in diesem Jahr viele Gemeinsamkeiten auf.

In beiden Hartwährungsländern geht es den Unternehmen trotz der beträchtlich gestiegenen Wechselkurse des Franken und der Mark, auch 1986 ausgesprochen gut. Die Unternehmenserträge und Umsätze bewegen sich auf einem erfreulichen Niveau. Bernard ^yttenbach, Chefanalyst für europäische Aktien bei der Schweizerischen Bankgesellschaft (SBG) glaubt, daß die Gewinne der schweizerischen Gesellschaften dieses Jahr noch einmal um zehn Prozent steigen werden. Ähnliches gilt für die Bundesrepublik, wo ebenfalls mit einem kräftigen Anstieg der Industrieproduktion und einer weiteren Verbesserung der Unternehmenserträge gerechnet wird.

Dennoch haben die Aktienmärkte diese guten wirtschaftlichen Aussichten nicht mit steigenden Kursen honoriert. Die Notierungen am Züricher Ring liegen – gemessen am Index des Schweizerischen Bankvereins – um rund ein Prozent unter dem Niveau von Ende 1985. In der Bundesrepublik ist der Rückgang des Index’ der Westdeutschen Landesbank (WestLB) um fast sechs Prozent sogar noch größer ausgefallen. Mit den haussierenden Märkten in Tokio, Mailand, Madrid oder Stockholm konnten beide Börsen in keiner Weise mithalten.

Sucht man nach Gründen für diese wenig erfreuliche Entwicklung, so zeigen sich auch da Gemeinsamkeiten zwischen beiden Ländern: Hier wie dort grassiert die Furcht vor einem Ende der Zinssenkungen. "Der amerikanische Zinsanstieg hat auch den schweizerischen Markt getroffen", sagt Wyttenbach, "und das hat die Erwartungshaltung der Investoren doch stark geändert. Die Aktionäre wurden unsicher, ob ihr Geld noch gut angelegt ist."

Und ein zweites kommt hinzu: Die Börsen hier und in der Schweiz erleben in diesem Jahr ein bisher unbekanntes Wachstum des Angebots an Dividendenpapieren. Angefangen von der Börseneinführung des ehemaligen Flick-Konzerns bis hin zur Privatisierung der Viag vor wenigen Tagen – nicht zu vergessen die zahlreichen Kapitalerhöhungen – wurden den Anlegern neue Aktien für viele Milliarden Mark zum Kauf angeboten. Das gilt auch für die Schweiz, wo in diesem Jahr schon über fünfzig Gesellschaften neue Partizipationsscheine – ein schweizerisches, stimmrechtsloses Spezialpapier zwischen Genußschein und Vorzugsaktie – auf den Markt gebracht wurden. Das stark gewachsene Angebot an Dividendenwerten in diesem Jahr mußte, da sind sich die Experten einig, tendenziell den Kursaufschwung am schweizerischen und deutschen Aktienmarkt bremsen. Wenn dann noch ausländische Anleger Aktienpakete verkaufen, können Kursrückschläge nicht ausbleiben.

Dennoch sind die Optimisten unter den Anlagestrategen in beiden Ländern weitaus in der Überzahl, was die Entwicklung beider Aktienmärkte in den kommenden zwölf Monaten angeht. Wyttenbach: "Ich bin fest davon überzeugt, daß wir in einem Jahr am schweizerischen Markt ein deutlich höheres Kursniveau haben als jetzt."

Dieser Meinung scheinen sich auch deutsche Anlageprofis anzuschließen, denn bei manchem von innen wird die Schweiz wieder als Geheimtip gehandelt. "Den schweizerischen Unternehmen geht es genauso gut wie den deutschen, die gesamtwirtschaftliche Entwicklung verläuft ähnlich positiv, aber die Schweiz hat im nächsten Jahr keine Wahlen", sagt Matthias Schwander, Chef des zur Sparkassenorganisation gehörenden Investmentfonds Arideka. Politische Unsicherheiten über den Wahlausgang im Januar 1987, so meint Schwander, können daher den schweizerischen Markt nicht belasten.