Von Alexander Goeb

In "Ruth’s Frisierkommödchen" in Solingen kostet eine Blondierung 20 Mark, das Gesichts-Make-up ist für zehn Mark zu haben, und für das Formen der Augenbrauen ist ein Betrag von 2,50 Mark zu entrichten. Normale Preise. Zu den Spezialitäten des Unternehmens gehört eine Ansatz-Dauerwelle – "haarschonend und pflegeleicht". Kunsthaarsträhnchen werden in "neun modischen Farben" verabreicht.

Hannelore Sander (Name geändert) arbeitet hier als Teilzeitbeschäftigte, eine kleine, muntere Frau. Ihre Arbeit beschreibt sie so: "Ich wasche Haare, trage Lotion auf, kehre Haare auf, lege Handtücher zusammen. Fixieren, das mach’ ich gerne. Da muß man eine Lotion mit Schwämmchen auf die Dauerwellenwickler auftragen. Das schäumt so schön, und das macht mir Spaß." An gewisse Arbeiten, da traut sich Hannelore Sander nicht heran: "Ich schneide nicht, drehe auch keine Wickler auf. Ich bin manchmal etwas ungeschickt." Die Kunden mögen sie. "Die Frau Hartmann zum Beispiel", sagt Hannelore Sander, und ihre Augen leuchten, "die Frau Hartmann, die will immer so zart gewaschen werden. Das kann ich so gut. Das macht mir Spaß. Sie läßt sich gerne von mir waschen."

Hannelore Sander ist seelisch behindert. Sie ist Angestellte der Jaider GmbH, die außer dem Frisiersalon noch einen Land- und Gartenbaubetrieb unterhält. Friseurmeisterin Ruth Hoppe ist die Leiterin von "Ruth’s Frisiersalon". Sie war, bevor sie diesen Job übernahm, schon Laienhelferin im Psychosozialen Trägerverein Solingen, auf dessen Initiative die Gründung der Jaider GmbH zurückzuführen ist.

Derzeit gibt es im Bundesgebiet etwa vierzig Versuche, über Initiativen Dauerarbeitsplätze für seelisch Behinderte zu schaffen. Wenige hundert Arbeitsplätze sind das insgesamt – zu wenige. Denn Hunderttausende seelisch Behinderte könnten arbeiten, wenn man sie nur ließe. Die andauernde Arbeitslosigkeit trifft diese Gruppe von Menschen besonders hart. Sie sind es, die als erste Rationalisierungen zum Opfer fallen.

Es gibt für Unternehmen die Verpflichtung, Behinderte einzustellen. Wer dieser Verpflichtung nicht nachkommt, hat nach der derzeitigen Regelung des Schwerbehindertengesetzes hundert Mark pro Monat und Arbeitsplatz an das Arbeitsamt abzuführen. Die Novellierung dieses Gesetzes, die für den Sommer ansteht, sieht eine sogenannte Ausgleichsabgabe von 150 Mark vor. An der mangelhaften Bereitschaft von Unternehmen, Behinderte einzustellen, wird sich damit kaum etwas ändern. Der Freikauf von einer lästigen Verpflichtung ist für viele Betriebe auch ein "Bußgeld" von 150 Mark wert.

Betroffen sind alle Behinderten. Doch wer ein Bein verloren hat, der gilt als Arbeitnehmer immerhin noch als kalkulierbar. Seelisch Kranke dagegen werden als unkalkulierbares Risiko eingestuft. Dieser Situation begegnet der Kölner Rehabilitationsberater Stephan Thomas täglich: "Die Vorurteile sind weit verbreitet. Das beginnt da, wo gesagt wird, der ist ein bißchen seltsam, und das geht bis zu der Aussage, der spinnt, der ist verrückt, der muß in die Klapsmühle."