Ich gehe stille Wege

Von Ben Witter

Auf dem Messingschild am Gartentor in der Reiler Straße 4 in Berlin-Friedrichsfelde wurde nicht mit Platz gespart. Da steht: "Rechtsanwalt Dr. Dr. h. c. Wolfgang Vogel", und es folgen die Sprechzeiten. Im Wartezimmer verdeckt eine schwarze lederne Sitzgarnitur jeden Zentimeter ringsherum, die Glanztapete hat ein leicht kränkendes Dunkelbraun mit gelblichen Einsprengseln. Über dem Lichtschalter sagt ein Spruch auf weißer Pappe: "Das Wenige, was du kannst, ist Viel." Viel ist großgeschrieben. "In Ihrem Wartezimmer hat die Angst ihre Farben abgekriegt", wollte ich sagen, als Professor Vogel die Tür öffnete. Ob sein Anblick einem die Angst gleich nehmen könnte? Ich sagte "ja" beim Händedruck, aber Wolfgang Vogel wußte ja nicht, warum ich "ja" gesagt hatte.

Gesicht, Hände und Körpergröße, ein wohl abgerundetes Füreinander. Bräunliches Brillengestell, weißes Oberhemd und brauner Anzug, unauffällige Maßarbeit. Und das Lächeln? Beherrscht. Professor Vogel schien es gewohnt zu sein, daß seine Besucher sich langsam besinnen mußten, bevor sie zur Sache kamen, denn die Einrichtung des Arbeitszimmers, der Schrank, wuchtiges Bürger-Barock der Jahrhundertwende, der Schreibtisch, sein kolossaler Stilgefährte, und eine Sitzgarnitur mit Stoffbezug füllten fast die Hälfte des Raumes. Genauso dichtgedrängt an den Wänden und auf den Fensterbänken Stücke seiner Uhrensammlung, Photos, Andenken, Liebhabereien. Neben seinem Schreibtisch stehen zwei Telephone, ein grünes und ein gelbes.

Ich wollte raten, von welchem Apparat aus Professor Vogel die Gespräche führt, die auch dafür sorgen, daß so viele Schicksale über seinen Schreibtisch gehen und manchmal die ganze Welt alarmieren: der Austausch von Spionen, der Freikauf von Gefangenen, die Vorbereitung zu gelegentlichen Gesprächen auf höchster Ebene. Aber unter seinen vertrauenerweckenden Blicken sagte ich herausfordernd: "Der Mensch ist gut." Nun hätte Vogel eigentlich mit Karl Marx antworten müssen: "Nur die gesellschaftlichen Umstände machen ihn schlecht." Er drückte sich jedoch wie in einem Plädoyer aus: "Der Mensch ist gut – und in seinen Anlagen durch die Umwelt beeinfluß- und veränderbar. An solchen Entwicklungsprozessen aktiv mitzuwirken, hat der Anwalt in seiner Tätigkeit als Strafverteidiger vielfältige Möglichkeiten."

Wolfgang Vogel auch als Verteidiger der Kleinen und der Großen? Die Antwort kam mit Nachdruck: "Ich kenne jedes Gerichtsgebäude von Suhl bis Rostock, und das seit dem 1. März 1954. Und ich bin wie jeder Anwalt im gewissen Sinne immer mit der Robe unterwegs; die Berufsauffassung überträgt sich ja auch ins Privatleben ... Und bei Ehescheidungen" – vor dem Schreibtisch stehen drei Stühle, die Lehnen zur Wand, den Blick in den Garten – "geht es hier anständig zu. Es wird keine schmutzige Wäsche gewaschen. Die Achtung voreinander muß gewahrt bleiben." Ich sagte, daß er wahrscheinlich nicht nur dem Anschein nach immer Hoffnungen erwecke und dadurch mit mehr Offenheit rechnen könne, bei wem auch immer.

Auf einem Klassenphoto steht er an der Seite seines Vaters, eines Lehrers in Glatz/Schlesien, bei dem er auch zur Schule ging. Hat das Elternhaus seinen Sinn für Gerechtigkeit geprägt? "Meine Eltern waren orthodoxe Katholiken. Ob ich noch praktizierender Katholik bin? Ich gehe, falls es sich ergeben sollte, gern allein in Dorfkirchen und halte vielleicht Zwiesprache auf meine Weise."

Photos als Belege? Er zeigte mir ein Photo, auf dem der russische Regimekritiker Schtscharanski seine rechte Hand auf Vogels Hand legt. – Warum zögerte Professor Vogel mit dem Spaziergang? Er ist den kurzen Griff nach Akten und Photos gewöhnt und will Nachweise fuhren, wo er geht und steht, möglichst schwarz auf weiß.

Ich gehe stille Wege

Ich hatte mich gefragt, wie dicht gedrängt es in dem Garten erst sein würde; im Haus lag kaum ein Zentimeter bloß. Als wir hinausgingen, sagte ich mir: Hier muß ein Riesenkran das Meisterwerk eines Gärtners, ungefähr 300 Quadratmeter groß, als Park geplant, fix und fertig abgesenkt haben. In dieser guten Stube unter freiem Himmel konnte man nicht einfach hin und her gehen, man mußte bescheiden wandeln, und sie verbot, weiter nach hinten zu blicken, auf eine Bahnlinie, auf Brachland und Hochhäuser, die alles abzuweisen schienen, was für sich sein wollte.

Unauffällig zu sein – vor der Haustür die Holperstraße und hinten das gezierte Grün, ganz eng beieinander; Neider in hohen Stellungen mußten aufgeben. "Sie haben sich hochgedient und angepaßt, Sie betonen ständig Ihre Unabhängigkeit und Überparteilichkeit, Sie erwecken stets Hoffnungen, auch zwischen den beiden deutschen Staaten, wodurch der Graben zentimeterweise kleiner wird, auch einmal wieder zu überspringen ist, die Presse verwöhnt Sie, und Sie gelten für manche sogar als deutscher Patriot. Aber auch politische Naivität wird Ihnen angehängt."

Professor Vogel blieb vor dem gemauerten Geräteschuppen stehen: "Wenn ich meine Unabhängigkeit betone, will ich damit sagen, daß ich nicht nach der Pfeife eines Chefs tanze. Und Überparteilichkeit? Jeder Anwalt muß sich darum bemühen. Und politische Naivität?" Die Antwort war ein beherrschtes Lächeln: "Um es kurz zu machen: Sagen Sie, ich sei Sozialist. Ja, ich bin Sozialist, kurz gesagt."

Auch für seine Edeltannen hatte er eine Kennermiene. Und zur "Selbstbeherrschung" sagte er, die bestehe nicht nur aus Übung und Pflichtbewußtsein, sie käme schließlich auch vom Charakter. "Daß Sie nach meiner Frau fragen, habe ich gerade hier im Garten erwartet. Meine erste Frau ging später mit einem Mann in den Westen, und einer meiner Söhne sucht noch einen festen politischen Standort; im Augenblick guckt er nach rechts. Meine zweite Frau ist erheblich jünger, und nachdem wir uns kennengelernt hatten, wollte sie nicht mehr in den Westen. Sie arbeitet in meiner Kanzlei mit, wir haben Lust am Leben und Denken und sorgen für Ausgleich und Hoffnung."

Lange genug hatten wir vor dem Geräteschuppen gestanden. Die geschniegelten Wege hätten sich statt seiner glänzenden grauen Lederschuhe mit abgestepptem Braunrand eher schlichte, erdbraune aus Rauhleder gewünscht. "Mandanten als Feind oder Freund? Weder das eine noch das andere, also bleibt der Mittelwert. Natürlich, der Mensch ist gut, und das Gute soll gewinnen." Er schnappte einen längeren Seitenblick von mir auf und überlegte: "Sagen Sie ruhig, daß Sie mich für eitel halten, und ich sage Ihnen" – er ging absichtlich einen Schritt voraus –, "daß ich eitel bin. Schließlich bin ich kein schlechter Advokat."

Und danach sagte er, zufrieden: "Ich liebe den Kompromiß. Nach dem 13. August 1961 wurde ich Erich Honeckers Beauftragter für humanitäre Probleme zwischen den beiden deutschen Staaten. Der Kompromiß reiht sich ein in die Koalition der Vernunft. Der Staatsratsvorsitzende hat erkannt, daß ich das Spektakulum zwischen der DDR und der Bundesrepublik mit entschärfen kann. Ich verehre ihn und erkenne seine Leistungen und die Verbesserungen an, die ihm zu verdanken sind. Ich gelte als sein Vertrauter, und man geht bei Ihnen wohl davon aus, daß ein Vertrauter auch ein Freund sein muß ..."

Wolfgang Vogel legte seine Hand auf meinen Unterarm, und ich sagte, als hätte er mich um eine Antwort gebeten: "Kann man es vielleicht so sagen: Es ist eine Respektierung auf Vertrauensbasis." Er sagte: "Bitte."

Ich gehe stille Wege

Dann hatte ich den Eindruck, daß er Schritt für Schritt Themen erledigen wollte, die uns sonst später noch irgendwo dazwischen hätten kommen können: "Ich gehöre zu den wenigen, die ihr eigenes Grab gesehen haben. Es liegt auf einem Soldatenfriedhof in der Toskana. Da ist ein Wolfgang Vogel begraben, geboren am 30. Oktober 1925 im schlesischen Wilhelmsthal, Grafschaft Glatz. Diese Daten sind meine. Ich zeige Ihnen nachher die Erkennungsmarke. Bei der Ausgabe der Erkennungsmarken ist damals ein Registrierfehler passiert, dieselbe Marke ist zweimal ausgegeben worden."

Daß die "Gesellschaft für Menschenrechte" ihm vorgeworfen hat, hoher Offizier des Ministeriums für Staatssicherheit zu sein und in dessen Auftrag an Festnahmen von Mandanten mitgewirkt zu haben, kanzelte er mit einem Satz ab: "Der Rechtsstreit gegen diese Gesellschaft endete mit einem Vergleich vor einem Westberliner Gericht, der einer Niederlage dieser Vereinigung gleichkommt."

Nicht ganz gemäßigt fuhr er fort: "Feste drauf, so laut wie möglich, noch mit Blasmusik dazu, und Kompromisse verweigern, so tönt es aus allerlei Ecken der Bundesrepublik. Ich tue das Gegenteil. Im übrigen macht ja der kleine Casus den überwiegenden Teil meiner Tagesarbeit aus. Und die prominenten Besucher hier in der Reiler Straße 4? Ihre Namen erfährt die Öffentlichkeit nicht. Ich gehe stille Wege ... Am meisten beschäftigt mich Herbert Wehner. Wer weiß denn schon, wem alles dieser Mann in aller Stille geholfen hat. Ihm verdanke ich so manche Perspektive. Wie ich mit meinem Ärger, meiner Empfindsamkeit fertig werde? Erstens ist da meine Frau, zweitens suche ich die stillen Wege und drittens? Gleich müßten Sie fragen, wo denn die Dorfkirche bleibt..."

Und um eines grundsätzlich auszuschließen – vermutlich komme ich Ihnen damit zuvor –, auch für Millionen keine Memoiren! Das ginge, unter anderem, viel zu sehr ins Menschliche und Private. Und die Verschwiegenheit der anderen Seite? Häufig werden Vereinbarungen nicht eingehalten, wenn die Mandanten erst im Westen sind. Und – nicht Herren, nein, sagen wir Gentlemen, kann man von denen nicht Schweigen verlangen?" Wir blickten in den Garten zurück, wo die Edeltannen Würde verbreiteten.

Ich durfte die Rückseite des Hauses nicht übersehen, sie war so fein säuberlich. "Warum die DDR ihre Agenten .Kundschafter’ nennt?" Wolfgang Vogel sagte es glatt herunter: "Die sozialistischen Staaten bekennen sich zu ihnen und betreuen sie. Deshalb nennen wir sie nicht abwertend Spione. Und der Westen bekennt sich so gut wie gar nicht zu der Tatsache, daß es Spionage gegen die DDR gibt. Daran sehen Sie, wie echt der Osten ist und wie unecht der Westen."

Es wurde Zeit, mir in seinem Arbeitszimmer vorzustellen, wer bereits vor diesem Schreibtisch gesessen hatte: der amerikanische U-2-Pilot Gary Powers, der Sowjetspion Oberst Abel, die DDR-"Kundschafter" Günter Guillaume und Heinz Felfe, der russische Regimekritiker Anatolij Schtscharanski und, und ... Und in die aufgepfropfte Behaglichkeit fiel Professor Vogels gründlich bedachte Anmerkung: "Oberst Abel, der in den USA die Todesstrafe zu erwarten hatte, sagte mir: "Nur Tote und Idioten haben keine Angst.’ Und Angst ist ja nicht ehrenrührig."

Und der Uhrensammler Wolfgang Vogel: Sollte ich von Neigung, von Eifer oder von Leidenschaft sprechen? Er entschied sich für Eifer und sprach von einem alten Uhrmacher aus Insterburg, der Ersatzteile selber anfertigte und die internationalen Preise kannte. Neben der Standuhr hingen Photos übereinander, auf denen Wolfgang Vogel Auszeichnungen und Ehrungen entgegennimmt. Unter dem Photo des österreichischen Ministerpräsidenten Sinowatz stand eine Widmung. Professor Vogel blätterte in einer Akte "Es gibt keinen Fall, hungen der beiden Staaten untereinander belastet hat."

Ich gehe stille Wege

Ich fragte, ob man nicht endlich eine andere Bezeichnung für Gefangenenfreikauf finden könne. "Wer sucht sie nicht, aber Freikauf heißt ja: unter einer bestimmten Gegenleistung Entscheidungen bis hin zur Haftentlassung zu treffen, die ohne diese Gegenleistungen nicht erreichbar sind. Und wer hier gelebt hat, für den erbrachte der Staat ja auch Leistungen, die nicht billiger zu haben sind als anderswo ..." Und dann, als hätte er mit dieser Feststellung lange zurückgehalten, weil sie sich von selbst verstand: "Ich bin meinem Staat und unserem Staatsoberhaupt gegenüber hundert Prozent loyal."

Ich sollte mir noch mal auf einem Gruppenphoto seine Frau ansehen; sie fiel da aber sowieso auf, und er sah zum Zeitvergleich auf die Standuhr. "Denken Sie öfter an Ruhestand?" Ich wartete darauf, daß er energisch den Kopf schüttelte. "Ja, ich beschäftige mich damit." Weil ich das nicht erwartet hatte, redete ich von Altkommunisten, die fürchten, durch ihren Ruhestand der Partei zu schaden, aber er sei ja erst einundsechzig, doch von sechzig aufwärts habe jedes Jahr einen anderen Hintergrund.

"Ich bin Anwalt und werde rechtzeitig für einen exakten Nachfolger sorgen. Ich möchte gern häufiger Ski laufen und mehr Zeit für meine Frau haben und, völlig zurückgezogen, manches nachlesen oder überprüfen. Ich wohne privat am Teupitzersee. Wer bei uns in der DDR Leistungen erbringt, die allgemein Anerkennung finden, und das bezieht sich nicht allein auf Anwälte, kann gut leben."

Weil der Gedanke an den Ruhestand zu nichts passen wollte, sagte ich: "Wenn Sacharow in diesem Sessel hier sitzt und Erich Honecker sich langsam auf seinen Ruhestand vorbereitet, dann kann es wohl sein, daß Sie endgültig beschließen, nach Hause zu gehen, wo Ihre Uhren mehr Platz haben und wo Sie dann aus Spaß vielleicht etwas tun, um sich selbst zu beweisen, daß auch Sie Ihre Beherrschung verlieren können." Professor Vogel lächelte über das ganze Gesicht, gab mir die Hand und antwortete nicht.