Dann hatte ich den Eindruck, daß er Schritt für Schritt Themen erledigen wollte, die uns sonst später noch irgendwo dazwischen hätten kommen können: "Ich gehöre zu den wenigen, die ihr eigenes Grab gesehen haben. Es liegt auf einem Soldatenfriedhof in der Toskana. Da ist ein Wolfgang Vogel begraben, geboren am 30. Oktober 1925 im schlesischen Wilhelmsthal, Grafschaft Glatz. Diese Daten sind meine. Ich zeige Ihnen nachher die Erkennungsmarke. Bei der Ausgabe der Erkennungsmarken ist damals ein Registrierfehler passiert, dieselbe Marke ist zweimal ausgegeben worden."

Daß die "Gesellschaft für Menschenrechte" ihm vorgeworfen hat, hoher Offizier des Ministeriums für Staatssicherheit zu sein und in dessen Auftrag an Festnahmen von Mandanten mitgewirkt zu haben, kanzelte er mit einem Satz ab: "Der Rechtsstreit gegen diese Gesellschaft endete mit einem Vergleich vor einem Westberliner Gericht, der einer Niederlage dieser Vereinigung gleichkommt."

Nicht ganz gemäßigt fuhr er fort: "Feste drauf, so laut wie möglich, noch mit Blasmusik dazu, und Kompromisse verweigern, so tönt es aus allerlei Ecken der Bundesrepublik. Ich tue das Gegenteil. Im übrigen macht ja der kleine Casus den überwiegenden Teil meiner Tagesarbeit aus. Und die prominenten Besucher hier in der Reiler Straße 4? Ihre Namen erfährt die Öffentlichkeit nicht. Ich gehe stille Wege ... Am meisten beschäftigt mich Herbert Wehner. Wer weiß denn schon, wem alles dieser Mann in aller Stille geholfen hat. Ihm verdanke ich so manche Perspektive. Wie ich mit meinem Ärger, meiner Empfindsamkeit fertig werde? Erstens ist da meine Frau, zweitens suche ich die stillen Wege und drittens? Gleich müßten Sie fragen, wo denn die Dorfkirche bleibt..."

Und um eines grundsätzlich auszuschließen – vermutlich komme ich Ihnen damit zuvor –, auch für Millionen keine Memoiren! Das ginge, unter anderem, viel zu sehr ins Menschliche und Private. Und die Verschwiegenheit der anderen Seite? Häufig werden Vereinbarungen nicht eingehalten, wenn die Mandanten erst im Westen sind. Und – nicht Herren, nein, sagen wir Gentlemen, kann man von denen nicht Schweigen verlangen?" Wir blickten in den Garten zurück, wo die Edeltannen Würde verbreiteten.

Ich durfte die Rückseite des Hauses nicht übersehen, sie war so fein säuberlich. "Warum die DDR ihre Agenten .Kundschafter’ nennt?" Wolfgang Vogel sagte es glatt herunter: "Die sozialistischen Staaten bekennen sich zu ihnen und betreuen sie. Deshalb nennen wir sie nicht abwertend Spione. Und der Westen bekennt sich so gut wie gar nicht zu der Tatsache, daß es Spionage gegen die DDR gibt. Daran sehen Sie, wie echt der Osten ist und wie unecht der Westen."

Es wurde Zeit, mir in seinem Arbeitszimmer vorzustellen, wer bereits vor diesem Schreibtisch gesessen hatte: der amerikanische U-2-Pilot Gary Powers, der Sowjetspion Oberst Abel, die DDR-"Kundschafter" Günter Guillaume und Heinz Felfe, der russische Regimekritiker Anatolij Schtscharanski und, und ... Und in die aufgepfropfte Behaglichkeit fiel Professor Vogels gründlich bedachte Anmerkung: "Oberst Abel, der in den USA die Todesstrafe zu erwarten hatte, sagte mir: "Nur Tote und Idioten haben keine Angst.’ Und Angst ist ja nicht ehrenrührig."

Und der Uhrensammler Wolfgang Vogel: Sollte ich von Neigung, von Eifer oder von Leidenschaft sprechen? Er entschied sich für Eifer und sprach von einem alten Uhrmacher aus Insterburg, der Ersatzteile selber anfertigte und die internationalen Preise kannte. Neben der Standuhr hingen Photos übereinander, auf denen Wolfgang Vogel Auszeichnungen und Ehrungen entgegennimmt. Unter dem Photo des österreichischen Ministerpräsidenten Sinowatz stand eine Widmung. Professor Vogel blätterte in einer Akte "Es gibt keinen Fall, hungen der beiden Staaten untereinander belastet hat."