Ich fragte, ob man nicht endlich eine andere Bezeichnung für Gefangenenfreikauf finden könne. "Wer sucht sie nicht, aber Freikauf heißt ja: unter einer bestimmten Gegenleistung Entscheidungen bis hin zur Haftentlassung zu treffen, die ohne diese Gegenleistungen nicht erreichbar sind. Und wer hier gelebt hat, für den erbrachte der Staat ja auch Leistungen, die nicht billiger zu haben sind als anderswo ..." Und dann, als hätte er mit dieser Feststellung lange zurückgehalten, weil sie sich von selbst verstand: "Ich bin meinem Staat und unserem Staatsoberhaupt gegenüber hundert Prozent loyal."

Ich sollte mir noch mal auf einem Gruppenphoto seine Frau ansehen; sie fiel da aber sowieso auf, und er sah zum Zeitvergleich auf die Standuhr. "Denken Sie öfter an Ruhestand?" Ich wartete darauf, daß er energisch den Kopf schüttelte. "Ja, ich beschäftige mich damit." Weil ich das nicht erwartet hatte, redete ich von Altkommunisten, die fürchten, durch ihren Ruhestand der Partei zu schaden, aber er sei ja erst einundsechzig, doch von sechzig aufwärts habe jedes Jahr einen anderen Hintergrund.

"Ich bin Anwalt und werde rechtzeitig für einen exakten Nachfolger sorgen. Ich möchte gern häufiger Ski laufen und mehr Zeit für meine Frau haben und, völlig zurückgezogen, manches nachlesen oder überprüfen. Ich wohne privat am Teupitzersee. Wer bei uns in der DDR Leistungen erbringt, die allgemein Anerkennung finden, und das bezieht sich nicht allein auf Anwälte, kann gut leben."

Weil der Gedanke an den Ruhestand zu nichts passen wollte, sagte ich: "Wenn Sacharow in diesem Sessel hier sitzt und Erich Honecker sich langsam auf seinen Ruhestand vorbereitet, dann kann es wohl sein, daß Sie endgültig beschließen, nach Hause zu gehen, wo Ihre Uhren mehr Platz haben und wo Sie dann aus Spaß vielleicht etwas tun, um sich selbst zu beweisen, daß auch Sie Ihre Beherrschung verlieren können." Professor Vogel lächelte über das ganze Gesicht, gab mir die Hand und antwortete nicht.