Von Susanne Mayer

Wissen Sie", sagt Marie Marcks, "wissen Sie, es gibt Momente im Leben, die Sie nie vergessen." Es war an einem Vormittag im Jahre 1953, als die Berlinerin Marie Marcks – damals 31 Jahre jung, Graphikerin, Mutter zweier Kinder und frisch geschieden, aus dem Fenster ihrer kleinen Heidelberger Dachwohnung blickte. "Dort stand eine Trauerweide, schimmernd mit frischem Grün. Durch die Zweige konnte ich ein Kind sehen, das auf einer Schaukel spielte. Es war ein richtiges Frühlingsbild. Da hörte ich im Radio, daß wieder Atombomben gebaut wurden."

Die Nachricht war ein Schock. Marie Marcks ist unter den Kriegsparolen der Nationalsozialisten großgeworden. "Marie, es brennt", heißt ihre Autobiographie, die diese Erlebnisse in einer Bildergeschichte erzählt. Marie Marcks ist durch Arbeitsdienst und Kriegshilfsdienst gegangen. Kurz vor Kriegsende hat sie als ledige Mutter ein Kind zur Welt gebracht. Und dann wieder Bomben? "Ich dachte, nein! Wo soll ich denn hin mit den Kindern? Ich kann doch nirgends hin!"

Marie Marcks ist in Heidelberg geblieben. Nicht weit von der kleinen Dachwohnung hat sie sich eine eigene Idylle aufgebaut. Ein spitzgiebeliges Häuschen, mit einer Mauer drumherum wie eine Burg befestigt. Im Hof wuchert ein Rosenbusch. Terrakotta-Kübel mit Oleander, Rosmarin, Basilikum. Doch auch in der Idylle fühlt sie die Bedrohung.

"Schuhe aus", heißt es gleich am Eingang. "Wer weiß schon, ob der Regen nicht mehr radioaktiv ist!" Auf dem Tisch liegt ein Pamphlet: Nie wieder Tschernobyl. "Haben Sie schon unterschrieben für den Volksentscheid gegen Atomkraft?" Zeitungsschnipsel zum Thema Katastrophe türmen sich auf dem Arbeitstisch; Marie Marcks stellt für die fünf erwachsenen Kinder Dossiers zusammen, eine Ärztin beliefert sie mit Material für einen Vortrag über Strahlenschäden. Zum Zeichnen kommt sie kaum. Sie ist emsig. Lustig ist sie nicht. Oder so: Lustig ist sie eher in ihren Zeichnungen.

Als Marie Marcks Anfang der sechziger Jahre – etwa zehn Jahre nach jenem Schockerlebnis in der kleinen Dachwohnung – ihre ersten Karikaturen veröffentlichte – in der Zeitschrift Atomzeitalter, in der unter anderen Robert Jungk und Eugen Kogon schrieben – da zeichnete sie folgendes Blatt: Ein Männlein mit Hut – ein Wissenschaftler, sagt sie – legt den Kopf in den Nacken und bläst gedankenverloren in eine Pusteblume. Wie winzige Propeller wirbeln die Blütenteile in die Landschaft davon – jeder einzelne mit dem schwarzen Kern und den drei Fächern ein radioaktives Giftbündelchen. In einer ihrer jüngsten Karikaturen zur Tschernobyl-Katastrophe steht ein Männlein in einem Wald von solch bösen Samen und versucht, sie mit einem Stock aufzuspießen. "Es gibt viel zu tun. Packen wir’s an", sagt der Wicht in eine Sprechblase hinein. Bittere Ironie? Resignation? Falsch. Die Zeichnerin möchte als Aufforderung zum Aufräumen verstanden wissen.

Irgendwie, will sie sagen, müssen wir uns wieder eine wirklich heile Welt schaffen, auch wenn unsere Mittel unzureichend sind. Von Gewalt hält sie nichts. Sie träumt noch heute von der sanften Revolution der Hippie-Bewegung.