ZEIT: Herr Hinrichs, das Institut für Mittelstandsforschung plädiert für eine Liberalisierung der Ladenschlußzeiten. Doch der mittelständische Einzelhandel und seine Interessenvertreter halten an der alten Regelung fest. Warum?

Hinrichs: Die Hauptgemeinschaft hat auf ihrer letzten Delegiertenversammlung gerade mit den Stimmen der mittelständischen Unternehmer den Beschluß gefaßt, daß es bei den bewährten Ladenschlußzeiten bleiben soll. Von einer Änderung würden nur wenige Klein- und Mittelbetriebe in Marktnischen profitieren, während sich nach den bisherigen Erfahrungen Marktanteile zu den großen Selbstbedienungsläden auf der grünen Wiese verlagern, die deshalb auch bei uns die Abendöffnung fordern.

ZEIT: Hat die Aufhebung des schwedischen Gesetzes nicht zu anderen Ergebnissen geführt?

Hinrichs: Das alte schwedische Ladenschlußgesetz hatte bereits den täglichen Abendverkauf bis 20 Uhr vorgesehen, so daß sich bei seiner Aufhebung im Jahre 1972 nicht mehr viel ändern konnte.

Die Konzentration führte dort zu dem dünnsten Ladennetz in Europa. In den letzten Jahren kamen zwar einige kleine Serviceläden hinzu, aber im Verhältnis zur Bevölkerung liegt die Zahl der schwedischen Einzelhandelsbetriebe um etwa ein Fünftel unter der deutschen.

ZEIT: Aber der einzelne Händler könnte bei einer völligen Liberalisierung seine Öffnungszeiten nach seinen Vorstellungen und vor allem nach den Vorstellungen seiner Kunden besser ausrichten.

Hinrichs: Der Kunde weiß dann nicht mehr, wer wann geöffnet hat. Er läuft das Risiko, vor verschlossene Türen zu kommen. In Frankreich, wo es kein Ladenschlußgesetz gibt, sind nach einer kürzlichen Befragung nur 55 Prozent der Verbraucher mit den dortigen Ladenzeiten zufrieden gewesen.