Die "Wende" – nun bei Goethe? Kernige Worte von Franz Josef Strauß zur auswärtigen Kulturpolitik

So hätte er’s gern, der CSU-Vorsitzende und bayerische Ministerpräsident: "Hauptaufgabe der auswärtigen Kulturpolitik: für die Bundesrepublik Deutschland werben. Die entscheidende Frage ist der Nutzen" – Franz Josef Strauß meint: für den Staat.

Schon recht, Herr Staatsökonom. Nur läßt sich bei Kunst und Kultur eine Kosten-Nutzen-Rechnung nicht so leicht aufmachen. Der heimliche Außenminister ("Da ich mich häufig in der Welt umtue") sollte sich mal bei unseren Nachbarn umtun: Franzosen, Holländer, Belgier, Dänen würden sich schön bedanken, wenn die Goethe-Institute anfangen wollten, "Werbung" für die Bundesrepublik zu machen. Die Gäste in den ausländischen Goethe-Instituten pfeifen auf die "hellen und festlichen Farbtöne", die Strauß vermißt; die wollen genaue Nachrichten über die Wirklichkeit in einem großen Industrie-Staat.

Was Strauß am 12. Juni in München vor der – Verzeihung, Herr Goethe! – "Regionalbeauftragtenkonferenz" in München als "Grundsatzreferat" vorzutragen gewagt hat, ist eine von Vorurteilen und Fehlinformationen verfinsterte Biertisch-Raunzerei – eine miserabel recherchierte Wahlkampfrede gegen die FDP, deren Abgeordnete (Genscher, Hamm-Brücher, Möllemann) im Auswärtigen Amt zuständig waren oder sind für auswärtige Kulturpolitik und das Goethe-Institut.

Mit welchem Recht schiebt ein Politiker eigentlich alle Künstler, die seit Jahrzehnten vom Goethe-Institut ins Ausland geschickt wurden, als "Kulturschickeria" in die Ecke? Beleidigend für die Fachleute, die ihn als Redner geladen haben, "GI" nicht als "Goethe–", sondern als "Grass-Institut" zu entziffern. Daß man in der bajuwarischen Staatskanzlei nicht einmal den Namen des Schriftstellers richtig schreiben kann, paßt zu mangelnder Kenntnis auf dem Gebiet von Kultur und Kulturpolitik.

Woher weiß Strauß, daß in den Goethe-Instituten die Bundesrepublik nur mit der "düsteren Götterdämmerungspalette" gemalt wird und auswärtige Kulturpolitik sich "in Momentaufnahmen der aktuellen Kultur- und Literaturszene erschöpft"? Ein Blick in die Programme des Institutes hätte gelehrt, daß sich hier niemand "aus der ,alten‘ deutschen Literaturgeschichte ausklinkt".

Welche Ängste müssen Strauß plagen, wenn er den Rechtsstaat "seit beinahe zwei Jahrzehnten" von einem "erheblichen Teil der deutsch schreibenden Zunft unterhöhlt, seine verantwortlichen Persönlichkeiten ständig verunglimpft, seine Institutionen böswillig verzerrt dargestellt" sieht. Schriftsteller auf "ewiger Jagd nach der ,Blauen Blume‘, das Heil in einem verblasenen politutopischen Neutralismus suchend"? Da hat ihm die Sekretärin einen Redetext in die Hand gedrückt, der – vielleicht – vor zwanzig Jahren den Schimmer einer Beziehung zur Wirklichkeit gehabt haben mag. Wo gibt es denn heute Literatur des "Prinzips Hoffnung"?