Hamburg: "Renaissance des Nordens"

Die Hamburger Kunsthalle ist die einzige deutsche Station für eine der schönsten Zeichnungsausstellungen, die in den letzten Jahren zu sehen waren. Sie kommt aus Frankreich, aus der Ecole des Beaux-Arts in Paris, die dank generöser Stiftungen über einen fast schon mit dem Louvre vergleichbaren Fundus an Meisterzeichnungen verfügt, und sie geht im Anschluß an Hamburg weiter nach Houston in die de Menil-Foundation. Rund 125 Blätter deutscher und niederländischer Provenienz dokumentieren die Zeit von der Mitte des 15. bis ins 17. Jahrhundert, von Stephan Lochner und Dieric Bouts bis zu Matthäus Merian und Jan Brueghel. Was sich zwischen diesen historischen Markierungen ereignet, wird von Eckard Schaar, dem Leiter des Hamburger Kupferstichkabinetts, unter dem Stichwort "Renaissance des Nordens" zusammengefaßt. Es geht also vorwiegend um die Frage, wie die Künstler aus den nördlichen Regionen auf Italien, auf die wiederbelebte Antike und die daraus resultierende Klassizität reagieren, wie sie und ob sie die neuen geistigen und künstlerischen Erfahrungen in ihre Arbeit einfließen lassen. Beispielhaft für eine produktive Adaption sind die beiden großartigen Dürerzeichnungen, "Adam und Eva", eine der ersten Aktdarstellungen in der altdeutschen Kunst, die erst allmählich unter dem Eindruck der italienischen Renaissance ihre Befangenheit gegenüber dem Nackten verliert. Das andere Blatt "Nessus und Dejanira" ist noch auf der ersten Italienreise nach einem Gemälde von Pollajuolo entstanden. Was Dürer von ihm übernimmt, ist lediglich das Motiv, das er souverän, unter Verzicht auf alles Anekdotische, umgestaltet, in seinen furios bewegten Stil transformiert – kein antiker, kein italienischer, vielmehr ein vom Kopf bis zum Pferdefuß Dürerscher Kentaur ist das Resultat. Wenn Hans Baldung Grien "Herkules und Omphale" zeichnet, dann hat er sich von dem berühmten "Torso von Belvedere" dazu anregen lassen, den Halbgott und seine Gefährtin mit Witz und Ironie umzumodeln und die antike Fabel in seinem heimischen Straßburger Dialekt nachzuerzählen. Der Niederländer Jan Gossaert gen. Mabuse hat in der "Enthauptung Johannes d. Täufers", seiner einzigen signierten Zeichnung, die kurz nach der Rückkehr aus Italien entstanden ist, etwas sehr Apartes zustandegebracht, eine Kombination aus römischen Renaissanceformen und spätgotischen Reminiszenzen. Was die Ausstellung aber vor allem mit vielen Beispielen vor Augen führt, ist der fast unmerkliche Übergang von der Renaissance in den Manierismus, an dem die "nordischen Schulen" entscheidend beteiligt sind. In diesen Zusammenhang gehören Künstler wie Jost Amman ("Loth und seine Töchter"), Christoph Murer, Georg Kopp, Christoph Gertner, bei den Niederländern Lambert van Noort, Frans Floris und Jan van der Straet ("Penelope in ihrem Schneideratelier", Entwurf für ein Deckengemälde im Penelope-Zimmer des Palazzo Vecchio in Florenz). Neben diesen figurativen Blättern mythologischen und allegorischen Inhalts wird in der niederländischen Abteilung noch ein zweites, mindestens ebenso bedeutendes Thema behandelt: die Landschaft, mit vielen bisher unbekannten Zeichnungen von Hans Bol, Joos de Momper, Carel van Mander, Jan Brueghel und Roelandt Savery, der eine Zeitlang in Prag am Hof Rudolphs II., der Hochburg des europäischen Manierismus, gearbeitet hat. (Kunsthalle bis zum 29. Juni, Katalog in französischer Sprache 55,– Mark, Kurzfassung in deutsch 10,–Mark) Gottfried Sello