Meister aller Klassen

Eines Abends, erzählte einmal der Trompeter Jimmy McPartland, habe ihm jemand von einem offenbar hochbegabten Klarinettisten erzählt, aber "er ist noch ein ganz kleiner Junge". Der kleine Junge "war höchstens fünfzehn", und McPartland dachte: "So ein Würstchen!" Und dann erzählte er weiter, wie es in der Bar in der Stadt Cicero im Staate Illinois zuging: "Das kleine Würstchen kletterte auf das Podium und packte sein Horn aus. Dann spielte er ‚Rose of the Rio Grande‘, ein sehr kompliziertes Stück ... Dieser kleine Wicht spielte etwa sechzehn Chorusse, und ich saß einfach da und kriegte den Mund nicht mehr zu ..., ich kam fast um." Der Schlagzeuger Ben Pollock nahm ihn bald in seine Band auf, und so begann die Karriere des Klarinettisten Benny Goodman. Seit vergangenem Freitag, dem 13. Juni, ist sie unwiderruflich zu Ende: Er starb, weil das Herz nicht mehr wollte. Nicht zu zählen all die Leute, die es traurig macht. Es gab nur einen, der ihm an Beliebtheit gleich gekommen ist, und das war Louis Armstrong.

Aber es gab vieles, was ihn von Satchmo und den meisten anderen Jazzmusikern unterschied. Er war kein Kaschemmentyp, er war ein bürgerlicher Normalmensch. In seiner Biographie gibt es keine tragischen Partien, die er heldenmütig durchzustehen gehabt hätte. Er konnte Alkohol nicht leiden. Er war kein hemdsärmeliger Mann, sondern einer mit Schlips und Kragen. Und dennoch machte er Jazz mit Leidenschaft und mit Vergnügen und mit einer im Fach nicht immer verlangten Virtuosität. Ob man die Titellust, wie das Metier sie liebt, ernst nimmt oder nicht: Die Zeitschrift Life hatte sich schon etwas dabei gedacht, als sie ihn nicht zum Earl oder zum Duke, sondern zum König ausrief, zum King of Swing. Das war im Jahre 1935, als diese neue, optimistisch strahlende, die Wirtschaftsdepression beiseite blasende Spielart des Jazz populär wurde und zuerst den Amerikanern und bald den Leuten überall in die Beine fuhr: Swing war Jazz zum Tanzen. Nur in Nazi-Deutschland war sie damals als Ausdruck amerikanischer Verderbtheit verschrien: "Swingtanzen verboten!"

Die spielerische Gewandtheit, die Benny Goodman zu eigen war und die er mit äußerster Präzision übte, war ja geduldig und sehr frühzeitig gepflegt, man darf vermuten: gedrillt worden. Seine jüdischen, aus Osteuropa eingewanderten Eltern – die Mutter aus Kaunas, der Vater aus Warschau gebürtig – hatten das Talent ihres am 30. Mai 1909 in Chicago geborenen Sohnes ernst genommen und es, wie es heißt, der "sanften Faust" des Chicagoer Symphonikers und Musiklehrers Franz Schopp anvertraut. Der verträumte Knabe, achtes von zwölf Kindern, wurde praktisch, aber auch theoretisch so intelligent unterrichtet, daß es seiner Begabung und seiner Seele guttat.

Seine Karriere ließ sich früh an. Mit zehn Jahren hatte er sich auf einem Michigan-See-Dampfer erprobt; mit siebzehn durfte er auf einer Schallplatte sein erstes Solo blasen; mit zwanzig war er selbständig und spielte bei diesem und jenem; mit fünfundzwanzig hatte er seine eigene Band, und ein Jahr darauf, 1935, war er schon der King of Swing. Er ist es bis an sein Ende geblieben; er war es auch, als er dem neuen Stil des Bebop etwas griesgrämig nachgab und dem seinen einverleibte.

1955 wurde – mit Steve Allen in seiner Rolle – "The Benny Goodman Story" für das Kino gedreht, die Geschichte seines Lebens; doch da sein Leben alles, nur kein konfliktreiches Drama war, spielte der Jazz darin die Hauptrolle, natürlich. Das Besondere, das er zuwege gebracht hatte, taugte nicht zum Klatsch, es war von anderer Art – und es war ja nicht wenig.

Benny Goodman hatte den Jazz aus der Kneipe ans Licht geholt. Ihm ist es – neben wenigen anderen – geglückt, den Jazz in Gestalt des Swings zur Musik der Bürger zu machen. Wenigstens auf dem Podium hatte er es, der Rassendiskriminierung im amerikanischen Alltag trotzend, geschafft, Weiße und Schwarze zusammenzubringen, in und neben seinen Trios, Quartetten und Bigbands. Und er war der erste Jazzmusiker der Welt, der im Tempel der klassischen Musik hatte auftreten dürfen, in der Carnegie Hall zu New York. Das war, wie man weiß, ein großer, mehr: ein bahnbrechender Erfolg.

Goodman hatte diese Herausforderung wagen dürfen, weil er immer darauf gesehen hatte, Könner um sich zu versammeln, und weil er zu allererst selber ein wahrhaft großer Musiker und nicht nur ein lustiger Swingheini gewesen war. Er war obendrein ein Meister aller Klassen und im Jazz so sicher wie in der (angeseheneren) klassischen Musik. Er hat die ganze Klassikerliteratur seines Instrumentes gespielt; Belá Bartók, Aaron Copland, Darius Milnaud und Paul Hindemith haben Stücke für ihn komponiert. Man braucht nur in den Satz "Alla Polacca" von Carl Maria von Webers zweitem Klarinettenkonzert zu hören, um zu erfahren, wie er blies: die Tonbildung von hintergründigem Humor, das Spiel flink und federnd, jeder Ton darin erkennbar gestaltet und noch im Pianissimo vollständig präsent.

Meister aller Klassen

Das Wunderbare aber war, daß man eben diesen musikalischen Qualitäten auch begegnete, wenn Benny Goodman sich in den Jazz, nun denn: in den Swing begab. Diese Töne! Sie sind zart, rund, aber fest, sie klingen; seine Passagen sind fein gearbeitet, sie hören sich sehr graziös an. Selbst bei den ganz hohen Tönen macht er kein Gekreisch – aber nicht nur, wenn er mit seinen Soli zum Flug über das zurückhaltende Tutti seiner Band ausholte, sondern noch viel deutlicher da, wo er wahrscheinlich seine eigentliche Meisterschaft entfaltete, in den Trios und den Quartetten. Da merkt man auch, daß er sich keinen "Sound" abquälte; sein Erkennungszeichen war statt dessen ein auffallend natürlicher Klang, fein, voller Anmut, nicht selten elegant. Er spielte Schlager – und es wurde Jazz daraus oder, um es noch genauer zu sagen: Kammermusik. Wahrscheinlich war er der erste Kammermusiker im lärmenden Jazz. Die Vermutung einer Musikerin, Johann Sebastian Bach und Benny Goodman wären die besten Freunde gewesen, ist so wenig überdreht wie die Bemerkung eines Musikprofessors, daß der Unterschied zwischen Beetnovens Fünfter Symphonie und Goodmans Opus 1/2 nur graduell, nicht prinzipiell sei.

Und welche Totenmusik nun? Ich bin für "Avalon" von Vincent Rose, 1938 im Quartett mit dem Vibraphonisten Lionel Hampton, dem Pianisten Teddy Wilson und dem Schlagzeuger Gene Krupa gespielt: Wie Benny Goodman einen hohen Ton oder eine Crescendokurve hoher Töne "in den Raum stellt" und daran seine Improvisations-Girlanden aufhängt – war er jemals besser?

Manfred Sack