Das Wunderbare aber war, daß man eben diesen musikalischen Qualitäten auch begegnete, wenn Benny Goodman sich in den Jazz, nun denn: in den Swing begab. Diese Töne! Sie sind zart, rund, aber fest, sie klingen; seine Passagen sind fein gearbeitet, sie hören sich sehr graziös an. Selbst bei den ganz hohen Tönen macht er kein Gekreisch – aber nicht nur, wenn er mit seinen Soli zum Flug über das zurückhaltende Tutti seiner Band ausholte, sondern noch viel deutlicher da, wo er wahrscheinlich seine eigentliche Meisterschaft entfaltete, in den Trios und den Quartetten. Da merkt man auch, daß er sich keinen "Sound" abquälte; sein Erkennungszeichen war statt dessen ein auffallend natürlicher Klang, fein, voller Anmut, nicht selten elegant. Er spielte Schlager – und es wurde Jazz daraus oder, um es noch genauer zu sagen: Kammermusik. Wahrscheinlich war er der erste Kammermusiker im lärmenden Jazz. Die Vermutung einer Musikerin, Johann Sebastian Bach und Benny Goodman wären die besten Freunde gewesen, ist so wenig überdreht wie die Bemerkung eines Musikprofessors, daß der Unterschied zwischen Beetnovens Fünfter Symphonie und Goodmans Opus 1/2 nur graduell, nicht prinzipiell sei.

Und welche Totenmusik nun? Ich bin für "Avalon" von Vincent Rose, 1938 im Quartett mit dem Vibraphonisten Lionel Hampton, dem Pianisten Teddy Wilson und dem Schlagzeuger Gene Krupa gespielt: Wie Benny Goodman einen hohen Ton oder eine Crescendokurve hoher Töne "in den Raum stellt" und daran seine Improvisations-Girlanden aufhängt – war er jemals besser?

Manfred Sack