Ist das die neue Frau? Die Frau, die alles kann und alles ist, die sich ernst nimmt, auch dann, wenn sie sich selbst widerspricht? Judy Chicago ist ein Phänomen. Missionarin und Unternehmerin, Feministin und Künstlerin und das alles Hand in Hand mit einem Mann. Ihre Kunst hat ein Programm. Auf dem Programm steht die Verheißung einer neuen besseren weiblichen Welt. Dazu schreibt Judy Chicago die Schöpfungsgeschichte um und wechselt die Personen der Abendmahlsgesellschaft aus. Beim Wein am Tisch sitzen jetzt nicht mehr Jesus und seine Jünger, sondern Göttinnen, Hexen und Heilige. Ist Judy Chicagos "Dinner Party" eine blasphemische Anmaßung oder ein größenwahnsinniger Tick?

Ein dreieckiger Tisch, zu groß für jedes Durchschnittsrestaurant, ist für 39 Frauen mit selbstbemalten Tellern, perlmuttglänzenden Kelchen, Bestecken und Servietten gedeckt. In die Kacheln des Fußbodens sind die Namen von weiteren 999 Frauen gebrannt. Ein fünfzehn mal fünfzehn Meter ausladendes Denkmal für die Lebenden und die Toten. Eine Ahninnentafel und ein Opferaltar. Judy Chicago, die sagt: "Als ich meinen Namen änderte, wußte ich, daß ich etwas in Bewegung setze, daß ich mich als ein Symbol für andere Frauen aufopfere", wurde 1938 in Chicago als ältestes Kind politisch engagierter Eltern, die 23 Rabbiner zu ihren Vorfahren zählten, geboren. Sie ist eine Verräterin.

Sie verrät die Sitzordnung des christlichen Glaubens. Sie verrät die Männerkultur im Namen der Frauenkultur. Sie verrät die Kunst an das Kunstgewerbe. Sie erzählt die weibliche Leidensgeschichte. Kunst heißt für sie Schmerzen: Schmerzen in Schönheit verwandelt. Judy Chicago liebt Symbole. Ihre "Dinner Party" – Tisch steht für viel, auch dafür, daß die Frauen es immer noch nicht gelernt haben, vom Tisch aufzustehen – ist ein Ärgernis. Zwölfmal war der Tisch schon ausgestellt, selten in großen Häusern, meistens im Off-Off. Das will Judy Chicago jetzt nicht mehr. Ihre Kunst gehört ins Museum. Weshalb wird weibliche Kunst immer noch diskriminiert?

Judy Chicago bedient sich männlicher Mittel, um das Gewohnheitsrecht zu brechen. Vierhundert Frauen und auch ein paar Männer haben zwischen 1974 und 1979 beim "Dinner Party’-Projekt geholfen, namenlos wie all die Zulieferantinnen der Weltgeschichte. Weder die Dinner Party noch das "Birth-Project" (für das sie zwischen 1980 und 1985 über achtzig Zeichnungen um den Mythos der Geburt als Fixpunkt der Schöpfungsgeschichte entwarf) seien, erklärt sie, kollektive Kunstwerke. Wenn auch andere nach ihren Entwürfen sticken, nähen, weben. "Ich bin die Künstlerin. Ich habe die Ideen."

Vielleicht hat Judy Chicago viel von Bhagwan, und bestimmt hat sie einiges von den Methoden der Psychoanalyse gelernt. Sie verkauft sich teuer, sie macht sich nicht kommun. Sie verkündet ein Anliegen, sie ist der Kopf einer Bewegung. Sie erscheint, spricht und geht. Ihre treuen Helferinnen besorgen bescheiden den Rest. In Frankfurt hatte vor eineinhalb Jahren eine Frau eine Vision. Tausend Frauen sah Dagmar von Garnier vor sich, Figuren aus Judy Chicagos Stammbuch weiblicher Wirkungsgeschichte. Wie am Jüngsten Tag sollten sie auferstehen und einander ihr Leben erzählen. Kein Gerichtstag, sondern ein Festtag sollte es werden und ein historisches Schauspiel weiblichen Bewußtseins dazu. Dagmar von Garnier, die sich in ihrem ersten Rundbrief als "engagierte Fachfrau für Folklore, meditatives Tanzen und einiges mehr" vorgestellt hatte, erreichte, was sie wollte: Ein Fest unter dem Patronat Judy Chicagos, eine Promotion-Veranstaltung im Namen des Kunstwerks "Dinner Party", das in Tausende von Einzelteilen zerlegt, in Kisten verpackt, in London auf den Tag wartet, an dem ein Museum ihm zur Herberge wird. Papier, genug um damit den Vorhang für eine revidierte Weltgeschichte zu bekleben, wurde mit Aufrufen im Namen der "Dinner Party" bedruckt Der Schneeball flog von Volkshochschule zu Volkshochschule, von einem Frauenzirkel zum nächsten.

Die Frankfurter Alte Oper wurde das Ziel. Was gut ist, kostet Geld, wir wissen das. Wer gut ist und Gutes tut, hat es noch besser und darf sich Mäzenatin nennen. Sechshundert Frauen, da fehlten bis zu den geplanten tausend gar nicht mehr so viele, zahlten für den Tag von 10 Uhr morgens bis 2 Uhr in der Nacht 390 Mark. Den meisten standen ihre selbstgewählten Rollen gut. Kleopatra und Margaret Mead, Klytämnestra und Madame Pompadour, Virginia Woolf und Georgia O’Keefe. Die Rollen und Kostüme hatten sie sich selbst genäht, ihre Familiengeschichte in Bibliotheken erforscht. Die 39 Glücklichen, denen Judy Chicago den Ehrenplatz am Tisch der großen Frauen reserviert hat – griechische Göttinnen und deutsche Nonnen, Frauenrechtlerinnen und Künstlerinnen – wurden aufgerufen, so feierlich wie das bei Abiturfeiern früher gewesen und bei Weihnachtsfeiern immer noch ist. Der Dreieckstisch wurde nachgestellt. Dicke Kerzen in einem Blumentopf waren das Zeichen für das Gedeck. Das Licht wurde matt. Eine Hand griff nach der anderen. Daß Menschen, die singen, gut sind und froh, haben wir von den Liedern gelernt. In der Alten Oper machte ein Summen die Runde. Eine Tonsäule sei das gewesen, wurde den ewig Unwissenden gutwillig erklärt. Später, als die Frauen zum Erfahrungsbericht beieinander saßen und die Lautsprecherstimme das Geklapper der Kuchengabeln und die lange Kette der Worte und Offenbarungen durschschnitt: "Penthesilea und alle Amazonen bitte zur Ebene B 1 kommen" und: "Ich rufe alle Hexen zum Hera-Sitz", fand das keine zum Lachen. Dann wurde getanzt, miteinander und frei. Man war unter sich und allein. Alle Worte klangen lieb, nur Tschernobyl schwang manchmal mit. Ein Fest des Gefühls, alle fanden da Platz. Nur Judy Chicago war nach ihren beiden Ansprachen nicht mehr zu finden. Der Kopf der Bewegung liebt Auftritte und Distanz.

Am nächsten Tag hielt sie bei viel Eiswasser vor einem imponierend großen Publikum – das sich zuvor an Katalogen über das "Birth-Projekt" (75 Mark) und Kerzen vom Ritual (fünf Mark) und Postkarten von der "Dinner Party" (zwei Mark) sattgekauft hatte, als wären wir in Altötting am Devotionalienstand zu Ehren unserer lieben Frau – einen Diavortrag über die "Dinner Party" und das "Birth-Project". Als ein Baby zu schreien begann, bat Judy Chicago um Gnade. Das mache sie nervös. Die junge Mutter wollte das nicht verstehen. Eine Prophetin ist schließlich dazu da, den Weg zu weisen, nicht ihn selbst zu gehen!