Michail Gorbatschow hat seinen Gegnern in der Parteibürokratie offen den Fehdehandschuh hingeworfen. Von Tschernobyl spricht der Generalsekretär nur ungern.

Auf dem Plenum des Zentralkomitees der sowjetischen Kommunisten fand Gorbatschow zu einer verbalen Schärfe zurück, die seit dem Parteitag Anfang des Jahres verloren schien. Der Grund seines Zorns: Die Bemühungen, die Sowjetwirtschaft von Masse auf Qualität und intensive Nutzung moderner Technologie umzustellen, stoßen landesweit noch auf Widerstände. Das zeigen haarsträubende Fälle, die Gorbatschow seinen Genossen zur Abschreckung vorführte.

So hatte der Leiter eines elektrotechnischen Betriebes gegen das Votum der örtlichen Partei-Instanzen und ohne vorliegende Billigung eines Ministeriums die Firma binnen kurzer Zeit umorganisiert und mit Gewinn auf Vordermann gebracht. Obwohl das Projekt erfolgreich lief, bemühten seine Gegner den Staatsanwalt. Die Ermittlungen gaben zwar keinen Anlaß zur Beschuldigung, dennoch wurde der engagierte Betriebsdirektor aus der Partei ausgeschlossen. Ein Brief zu seiner Verteidigung, von wohlwollenden Genossen verfaßt, wurde Gorbatschow zufolge von den örtlichen Organen, also dem KGB, auf der Post abgefangen und erreichte Moskau nie. Eigeninitiative, von den neuen Machthabern gefordert, ist nicht nur den Bürokraten, sondern auch dem Geheimdienst verdächtig.

Mit warnendem Unterton wandte sich Gorbatschow vor dem Plenum an diejenigen, "die versuchen, uns aufzuhalten". Der Partei drohte er an, "alle Bestrebungen zu unterbinden, um alte Methoden und Fehler zu kopieren". Gorbatschow kämpft jedoch nicht nur gegen den "blinden Glauben an die Allmacht des Apparates". Er kämpft auch gegen überalterte Maschinenparks in den Fabriken, gegen 20 Prozent Ernteverlust durch mangelnde Transport- und Lagerbedingungen, gegen das nutzlose Abbrennen von jährlich 13 Milliarden Kubikmeter Erdgas. Und er kämpft auch gegen Produktionssteigerungen, die sich als volkswirtschaftlicher Schaden entpuppten. So wurden Zuwachsraten beim Maschinenbau stets nach Gewicht gemessen. Wer also möglichst schwere Werkstoffe und Materialien verwendete, hatte die besten Resultate, egal, wie leistungsfähig eine Maschine wirklich war.

Derlei Unsinn soll mit dem kommenden Fünfjahrplan abgestellt werden, der von den Partei-Instanzen nun zur Verabschiedung an den Obersten Sowjet, das Parlament, weitergeleitet wurde. Doch das Lenin-Zitat "Fürchterlich sind Illusionen und Selbstbetrug, vernichtend die Angst vor der Wahrheit", von Gorbatschow als Leitlinie für dieses Plenum bemüht, hat den Generalsekretär nicht dazu bewogen, auch die Katastrophe von Tschernobyl einer kritischen Erörterung zu unterziehen.

Von drei Zeitungsseiten, die Gorbatschow mit seiner Rede füllte, sind lediglich spärliche zehn Zeilen dem größten Atomkraftunfall der Menschheit gewidmet. Auch da findet er nur Worte des Beileids für die betroffenen Familien und Worte der Anerkennung für das ganze Land, das bei dieser "harten Prüfung" aufgestanden sei, um die Folgen zu beseitigen. Um welche Art Folgen es sich dabei handelt, konnten die Sowjetbürger inzwischen der Moskauer Presse entnehmen. Seither läßt sich die Katastrophe nicht mehr auf das Konto eines tragischen Betriebsunfalls abbuchen.

Mit der Entlassung des Betriebsdirektors und des leitenden Ingenieurs von Tschernobyl sind Fachleute dingfest gemacht worden, die eigentlich wissen mußten, wie der Schadenzu begrenzen gewesen wäre. Zuvor schon waren Mitglieder der Kommunistischen Partei ausgeschlossen worden, weil sie – wie es hieß – in der Not nur an sich selbst und nicht an die anderen gedacht hatten.