Von Reinhard Kaufmann

Was man sich für sein Verhältnis zu seinem Stellvertreter, dem Sozialminister Alfred Dallinger, schwer vorstellen kann: für seine Beziehung zum Präsidenten der Arbeitgeber, Rudolf Sallinger, gilt es als ausgemacht, daß sie auf verständnisvoller Herzlichkeit beruht. Trotzdem käme niemand auf den Gedanken, in Anton Benya – Präsident des Nationalrats, graue Eminenz in der Führung der Sozialistischen Partei Österreichs (SPÖ) und seit 23 Jahren Präsident des Österreichischen Gewerkschaftsbundes (ÖGB) – einen "Gelben zu sehen.

Angesichts der materiellen und gesellschaftlichen Trümmerlandschaft, die zwölf Jahre Diktatur – erst die hausgemachte unter den christlich-sozialen Führern Dollfuß und Schuschnigg, vom März 1938 an die nationalsozialistische – hinterließen, haben sich 1945 Arbeitnehmervertreter aller Lager – Sozialisten, Christliche und Kommunisten – zur Gründung einer überparteilichen Einheitsgewerkschaft mit stark zentralistischer Verfassung entschlossen.

Doch nicht nur die Gewerkschafter rückten damals zusammen, sondern die Gesellschaft insgesamt. Der großen Koalition zwischen der christdemokratischen ÖVP und der sozialistischen SPÖ auf Regierungsebene (die Kommunisten hat man bald ausgebootet, als ihr Ergebnis in freien Wahlen weit hinter den Erwartungen zurückblieb) korrespondierte die in ihrer Intensität weltweit einzigartige Organisationen der Arbeitnehmer und Arbeitgeber in der sogenannten Sozialpartnerschaft.

Dieses Konzept überdauerte auch das 1966 mit der Erringung der absoluten Mehrheit durch die ÖVP eingetretene Ende der großen Koalition.

Sicher sind auch die seit Kaisers Zeiten überwiegend staatsfixierten Unternehmer Österreichs versierte Lobbyisten (erst die vom Handelsminister verliehene Erlaubnis, das Staatswappen zu führen, gibt ihrem wirtschaftlichen Erfolg auch die begehrte Anerkennung), doch erst zusammen mit den Gewerkschaften konnten sie ein System schaffen, in dem ohne die "Interessenvertretungen" fast nichts mehr geht.

Eine "Sozialpartnereinigung" war jahrzehntelang in allen Angelegenheiten mit wirtschaftlichem Bezug notwendige und – von verfassungsmäßigen Formalitäten abgesehen – hinreichende Bedingung für die Realisierung staatlicher Maßnahmen. Bis Zwentendorf: Trotz des einstimmigen Parlamentsbeschlusses zum Bau des ersten österreichischen Atomkraftwerks Ende der sechziger Jahre und der gemeinsamen Begeisterung von Gewerkschaften und Unternehmerorganisationen für diese Form der Energiegewinnung ließ Bundeskanzler Kreisky, selbst ein AKW-Befürworter, aus wahltaktischen Überlegungen das österreichische Volk über die Inbetriebnahme des fertigen Kraftwerks, dreißig Kilometer oberhalb Wiens an der Donau gelegen, entscheiden: 50,4 Prozent Nein-Stimmen bewirkten das erste Scheitern eines sozialpartnerschaftlich abgestimmten Politikkonzepts.