Was der sowjetische Parteichef Gorbatschow zur Zeit in der Ost-West-Politik aufführt, müßte selbst dem Superstrategen und Fußballfan Henry Kissinger Bewunderung entlocken. Während Washington die Initiative längst aufgegeben hat und im Stellungskampf verharrt, brilliert Moskau im Bewegungsspiel: Wenn Reagan mauert, schiebt Gorbatschow immer neue und meist auch interessante Abrüstungsvorschläge nach.

Dahinter steht eine Strategie, die Kissingers Entspannungskonzept zu Beginn der siebziger Jahre ähnelt. Damals fühlte Amerika sich als die schwächere Supermacht, die durch Verhandlungen die stärkere einbinden wollte. Heute sieht sich die Sowjetunion im Rückstand und versucht, durch Abrüstungsangebote die Rüstungsdynamik der Vereinigten Staaten zu bremsen.

Die Washingtoner Falken haben dies längst begriffen. Aber trotz mancher Konter ist es ihnen bisher nicht gelungen, das geplante Gipfeltreffen zwischen Reagan und Gorbatschow platzen zu lassen. Im Gegenteil: Mit jedem Schuß gegen die Rüstungskontrolle zwingen sie den Präsidenten, seine Bereitschaft zum Dialog erst recht zu bekräftigen, wenn er nicht als hoffnungslos kalter Krieger dastehen will. Solange Moskau den Mut zur diplomatischen Offensive behält, dürfte deshalb der Gipfel an den Sowjets nicht scheitern. Eine bewegliche Taktik gestattet nun einmal keinen Stillstand. -cb-