Anfrage in Köln bei Walter Dahn, was ihm zu Wien einfalle und ob ihm überhaupt etwas einfalle und ob er Lust verspüre, mitzumachen bei einer Ausstellung in Wien, für die den paar, die mitmachten, etwas zu Wien einfallen sollte. Antwort aus Köln, aber klar doch. Und noch mit gleicher Post geht das Triptychon ab "Dr. Reich", "Dr. Jung", "Dr. Freud". Von Charakterstudien zu sprechen scheint angesichts des großzügigen Lineaments etwas vermessen. Eher haben wir es wieder mit einem Fall situativer Malerei zu tun, die – heute hier, morgen dort – zu allem und nichts etwas zu sagen weiß und ihre Gegenstände gerade noch soweit ernst nimmt, wie sie speditives Malhandwerk ermöglichen.

Dahns Auftragshuldigung an die Rauschebärte der Psychoanalyse hängt in einer Ausstellung, die den genius loci geheimnisvoll mit "Wien Fluß" umschreibt. "Wien Fluß" ist Gelenkstelle im kompliziert funktionierenden Apparat "Wiener Festwochen", Konzentrationsort in einem verwirrenden Unterhaltungs- und Volksbildungsprogramm, in dessen Verlauf die "Heimat Mitteleuropa" ebenso zur Symposionsdiskussion steht wie "Einsamkeit, Macht und Freiheit" der Elisabeth von Österreich. "Wien Fluß", so der "Kommissär" der Ausstellung, Peter Baum von der Neuen Galerie in Linz, will eine "lebendige", eben fließende "Konfrontation künstlerischer Standpunkte" sein und findet in Olbrichts kuriosem Secessionsbau über dem Wienfluß statt. Ein "künstlerisches Unternehmen ohne Netz", denn niemand habe ja voraussehen können, wozu die Stadt die Erwählten inspirieren werde – "möglicherweise zu einer Reflexion von dunklen Punkten einer auch an unserem Land nicht vorübergegangenen unseligen Vergangenheit".

Keine Bange, die Politik passierte in diesen Wochen draußen an den Plakatwänden, nicht aber an den Spielstätten der Festkultur. Der neueren, gerne in diplomatischen Diensten befindlichen Kunst wäre eine solche Unbotmäßigkeit auch kaum mehr zuzutrauen. Christian Boltanski zum Beispiel vitalisiert unter dem Eindruck des Denkmals Wien wieder einmal alte Zeiten, die längst entschwunden, und baut mitten im Jugendstil eine Art Jugendaltar. Und Rebecca Horn hat im grandiosen Theaterbau des psychiatrischen Krankenhauses Steinhof ihr "Ballett der Spechte" aufgebaut. Eine bezwingende Installation, in der man von kleinen Hämmern, die an Spiegeln und Scheiben pochen, oder einem Pendel, das nach rhythmischer Induktion bis zum völligen Stillstand ausschlägt, langsam aber bestimmt aus aller Zeit entführt wird.

Ein paar Positionen nur einer originellen Ausstellung, die nach all den Zeitgeistbündelungen und ächzenden Neukunstbilanzen sich erfrischend unambitiös anläßt. Sie ergänzt die zentrale Festwochen-Ausstellung im alten Messepalast, wo Harald Szeemann fortsetzt, was er vor Jahresfrist in Zürich unter dem ominösen Motto "Spuren, Skulpturen und Monumente ihrer präzisen Reise" begonnen hat.

Ein repräsentativer Zweckbau, Stallburschen gingen dort einmal ein und aus, und felix Austria übte den Schenkeldruck. Szeemann hat mit wenigen Eingriffen die große Halle zu einem stattlichen Museum auf Zeit umgerüstet. Seine erweiterte Auswahl nennt sich jetzt schlanker "De sculptura", will aber nichts mit dem Trendpuzzle gemein haben, das derzeit reihum eine Skulpturenausstellung nach der anderen beschert. "Skulptur" heißt hier nicht Ablösung der Malerei, die sich ein paar Jahre hat austoben dürfen, sondern Wiedererinnerung an ein paar fast vergessene Qualitäten wie Besonnenheit und Unaufwendigkeit.

Die Spanne reicht zurück bis zu Künstlern, die schon 1969 bei Szeemanns visionärer Ausstellung "When Attitudes become Form" in Bern dabei waren. Donald Judds längst "klassisches", mit einfachsten Mitteln die Progression von Raum und Zwischenraum versinnlichendes Wandstück "Untitled" von 1967 neben gewissermaßen noch geheimen Arbeiten wie den aus diesem Jahr stammenden Würfeluntersuchungen des in Wien lebenden Willi Kopf.

Keine Chronologie, die die ausgesuchten Stücke in ein Vater-Sohn-Verhältnis zwingen könnte, keine Ordnung nach irgendwelchen Schulen oder Richtungen, kein Gefälle auch der Prominenz. Jede Arbeit ist gleich wichtig genommen und respektiert die anderen um sich. Wenn der Blick aus Wolfgang Laibs Altarraum, wo er wieder mit Blütenstaub, Milch und Reis seinen empfindlichen Zauber vollführt, zur gegenüberliegenden Saalecke reicht, wo Richard Serra zwei schwere Stahlplatten lose so aufeinanderstellt, daß sie nach einschlägigen Gesetzen der Physik nicht zusammenstürzen dürfen (aber nach nicht weniger einschlägigen Erfahrungen der verängstigten Kreatur jeden Augenblick zusammenzustürzen drohen), könnte die Anmutung nicht widersprüchlicher sein. Nur eine leichte Drehung des Kopfes und ein fast schmerzhafter Spagat zwischen Traumhöhenflügen und Erdenschwere.