Jean Sibelius: "Symphonie Nr. 1 e-moll op. 39 Karelia Suite op. 11"

Dem finnischen Nationalkomponisten, der nicht in der populär gewordenen Programm-Musik, vielmehr in der Anthologie seiner sieben Sinfonien das Zentrum seines Lebenswerkes gesehen hatte, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, darin könnte für Vladimir Ashkenazy der Impuls liegen, das Werk von Jean Sibelius lückenlos auf Schallplatten zu dokumentieren. Als besonderer Vorteil kommt hinzu, daß der aus der Sowjetunion emigrierte Künstler für das unverwechselbare nordischschwerblütige Klangidiom wie für dessen extreme, geographisch bedingte Gefühlslagen eine starke Affinität besitzt. Fördernde Kraft vermittelt dabei wohl auch die nationale "Akzeptanz" der Musik von Jean Sibelius in seiner Wahlheimat England, wo neben ihr auch Gustav Mahlers Musik stärker als anderswo Fuß faßte und dann auf andere Kontinente übersprang. Nur die dritte und sechste Sinfonie stehen in Ashkenazys Gesamteinspielung noch aus. Die Erste, von Tschaikowskijs Geist durchschwebt, musiziert Ashkenazy brillant, mit russischem Instinkt. Eine Aufhellung des Klangs (topfig) wäre indes wünschenswert gewesen. (Philharmonia Orchestra, Dirigent: Vladimir Ashkenazy; Decca 414 534-2) Peter Fuhrmann

Violent Femmes: "The Blind Leading The Naked"

Für dieses Trio ist das dritte Album wohl schon so etwas wie eine "Großproduktion". Obwohl seine Kompositionen für die Bühne neu arrangiert werden mußten, ist vieles geblieben: das gewisse Punk-Ethos, die religiösen Obsessionen des Violent-Femmes-Sängers Gordon Gano, die Velvet-Underground-Bezüge bei Songs wie "Two People", "Special" und "Good Friend", das unkonventionelle oder – noch vorsichtig ausgedrückt – bizarre Verständnis von Country Music ("Cold Canyon"), der Charme anarchischen Musizierens. Wer diese Gruppe je als Amateure abtat, sollte sich Aufnahmen wie "Faith" anhören: Chicago-Blues reinsten Wassers, bei dem die drei ausnahmsweise einmal nicht augenzwinkernd so tun, als seien sie ja im Grunde gar keine Profis und würden noch viel lieber an Straßenecken aufspielen. Ungebrochen ist offensichtlich immer noch die Abenteuerlust dieses Trios. (Slash/Metronome 826 006-1) Franz Schöler

Joe Jackson: "Big World"

Da hat sich jemand gewaltig angestrengt: Das Album Nummer acht sollte für den in New York ansässigen Engländer eine Tour de force an klangtechnologischer Finesse werden. Nach intensiven Proben in diversen Nachtklubs von Manhattan, bei denen das Mischverhältnis von Instrumenten und Stimme festgelegt wurde, ließ Joe Jackson Mitte Januar die Songs seiner neuen Schallplatte bei einigen Sessions live vor einem Publikum mitschneiden, in digitaler Endfassung auf einem Zweispur-Band. Nachbearbeitungen irgendwelcher Art waren nicht mehr möglich. Das Resultat kann sich hören lassen – als Demonstration bester CD-Technik. Musikalisch sind Jacksons Songkonzepte, wie immer, um einige Nummern größer als sein Gesangstalent. Was ihn vor dem Abdriften in prätentiöse "Coolness" und Kunsthandwerkelei rettet, sind sein feines Gespür für spielerische Nuancen, wohldosierte Ironie und die souveräne Beherrschung vieler Stilmittel – von karibischen Rhythmen bis zum grellen Getto-Boogie. Seine jazzgetönten Balladen sind etwas geschmäcklerisch arrangiert, aber nach wie vor ein Plus seines Œuvres: Pop für gehobene Ansprüche (A&M Records 396 021 -2). Barry Graves