Zum Tag der Deutschen Einheit sprach im Deutschen Bundestag Walter Scheel, Außenminister zur Zeit der Ostverträge und Bundespräsident von 1974 bis 1979. Auszüge aus der Rede:

Wo immer wir in der internationalen Gemeinschaft auftreten, zitieren wir den Brief zur deutschen Einheit: unser Ziel, auf einen Zustand des Friedens in Europa hinzuwirken, in dem das deutsche Volk in freier Selbstbestimmung seine Einheit wiedererlangt. Das ist ein richtiger, ein guter Satz – aber wer draußen in der Welt liest nicht über diesen Satz hinweg? Man weiß, daß er in unseren Verlautbarungen stehen muß. Er ist für sie zu einer Art deutscher Marotte geworden, der keine aktuelle politische Bedeutung innewohnt. Die Welt hat heute andere Sorgen.

Und wir selbst? Haben wir nicht auch andere Sorgen, Sorgen, wie sie etwa das Reaktorunglück in Tschernobyl ausgelöst hat? Ist es nicht wichtiger, internationale Regelungen für die Kernsicherheit zu finden, als Reden über die deutsche Einheit zu halten? Aber vielleicht hängen die beiden Problemkreise ja zusammen.

Vor acht Jahren habe ich an dieser Stelle gesagt: "Unser Streben nach Einheit ist... ein in die Zukunft gerichtetes europäisches Friedensziel." Dieses Ziel läßt sich nur im Rahmen einer europäischen Friedensordnung lösen. Ja, bei Lichte betrachtet, die Schaffung einer solchen europäischen Friedensordnung wäre selbst schon die Verwirklichung des Ziels der deutschen Einheit. In einer solchen Friedensordnung würden die Grenzen, die Berlin, die Deutschland, die Europa so schmerzhaft zerschneiden, ihre Bedeutung verlieren. Dann könnte ja auch jeder Deutsche in jeden Ort Deutschlands gehen. Dann wäre mit dem Schmerz der Teilung auch die Teilung selbst aufgehoben...

Soll das nun heißen, daß die DDR, daß die osteuropäischen Staaten in einem zukünftigen Europa gefälligst unser Wertesystem zu übernehmen und das ihre aufzugeben hätten? Daß also nur sie sich ändern müßten, während wir über uns noch nicht einmal nachzudenken brauchen?

Ich gehe davon aus, daß sich in diesem Saale niemand befindet, der einer Friedensordnung das Wort redet, in der die vom Grundgesetz garantierten Rechte nicht gelten. Aber wir würden es uns zu einfach machen, wenn wir an diesem Punkt aufhören würden, weiterzudenken...

Es wäre müßig, auch nur einen Gedanken an eine europäische Friedensordnung zu verschwenden, wenn wir es auf der anderen Seite mit einem System zu tun hätten, das alle seine Gegner dahinmorden würde. Heute werden die Gegner belästigt, benachteiligt, verbannt, ausgewiesen, gefangengesetzt, in Straflager verschickt, in psychiatrische Kliniken gesteckt. Aber gemordet werden sie nicht. Das mag manchem als wenig erscheinen. Und doch ist es viel.

Der Graben zwischen West und Ost ist trotz allem tief. Und ich glaube auch nicht an Theorien, die uns glauben machen möchten, der Weltgeist triebe uns auf eine Konvergenz zu, die die Unterschiede zwischen beiden Seiten verwischt.