Ihre Generation findet es ein wenig unelegant, über das Alter zu sprechen. Fest steht: Fast 60 Jahre war die Mode ihr Metier, und begonnen hatte alles 1929 in Berlin. Da hatte Marietta Riederer sich in den Fasching gestürzt, Gauklerkostüme gezeichnet für die Zeitschrift Farbe und Form. Die Gaukler fanden Anklang bei der Jury: "Ihre Zeichnungen ... gefielen durch die lustige Frische und Unmittelbarkeit, waren nicht durch langes Brüten mühsam erdacht und hatten nichts Überflüssiges an sich."

Ein Urteil von prophetischer Qualität, nicht nur für Gezeichnetes aus ihrer Hand. 150 Mark für die Gaukler, und schon war sie unterwegs nach Paris, wurde jüngste Mitarbeiterin in der Frankfurter Zeitung und lernte den Entwurf mit der Schreibmaschine. Aber Mode? Das war bald nur noch Erinnerung an heitere Jahre.

Als Mode-Korrespondentin erlebte sie dann später die Metamorphosen von Haute Couture und prêt-à-porter, den Aufstieg von Dior, Patou, Givenchy, Yves Saint Laurent (von Anfang an ihr erklärter Favorit). Reiste über 20 Jahre lang für die ZEIT zu allen wichtigen Schauen nach Paris, Rom und Mailand und gab mit ihrem sicheren Blick, ihrem unprätentiösen Stil ein Vorbild für viele ab. Was sie in ihrer Unabhängigkeit – in der Branche rar – nicht irritierte.

Ob apfelgrüner Kaninchen-Rock oder nabelfreies Hochzeitskleid – sie konnte Mode "erzählen", amüsant oder distanziert, immer geschmackvoll im Wortsinn, wenn es um die Farben der Saison ging: Vanille oder Mocca, Zimt, Burgunder oder Aubergine. Sticheln gegen den eigenen Stand, auch das verstand sie. Bei einer Schau von Emanuelle Khanh war es, 1966; auf dem Laufsteg Provokation pur. Da schrieb sie: "Eine uralte Pariser Journalistin klappt endgültig ihr Notizbuch zu. Für sie ist soeben eine Welt eingestürzt.

Das wäre ihr selbst nie passiert – Spontaneität fand sie in der Mode unverzichtbar.

Am vergangenen Mittwoch ist Marietta Riederer 80jährig in München gestorben.

AvM.