Am kommenden Sonntag wählen die Spanier ein neues Parlament. Einen Erfolg der regierenden Sozialisten bezweifelt niemand – aber reicht es auch zur absoluten Mehrheit?

Die am vergangenen Wochenende publizierten Umfragen zeigen an, daß die Partei des spanischen Ministerpräsidenten Felipe González ihren Sieg von 1982 (47,1 Prozent und 202 der 350 Sitze in dem Cortes) wohl nicht wiederholen wird – zur Erbitterung der Sozialisten (PSOE) des Ministerpräsidenten, denen zu Beginn der recht lahmen Kampagne eine absolute Mehrheit sicher schien; González hatte deshalb auch nie über mögliche Koalitionen spekulieren wollen.

Für die Veränderung sind drei Entwicklungen verantwortlich. Einmal zeichnet sich eine höhere Wahlenthaltung ab, die 30 Prozent erreichen kann. Die Sozialisten fürchten, gerade enttäuschte PSOE-Wähler von 1982 könnten diesmal zu Hause bleiben. Zum anderen verspürt die "Vereinigte Linke", gruppiert um die Kommunisten, einen bescheidenen Aufwind. Sie sammelt Natogegner und vom pragmatisch-marktwirtschaftlichen Kurs González’ enttäuschte Sozialisten ein.

Unerwartet ist der dritte Grund, das Erstarken zweier Parteien der Mitte. Adolfo Suárez, Ministerpräsident der Übergangszeit nach Francos Tod, kann mit seinem "Demokratisch-Sozialen Zentrum" (CDS) gut zehn Prozent erreichen. Bis jetzt ist das CDS mit zwei Abgeordneten vertreten, die kleine und schlecht organisierte Partei lebt vom Ruf ihres Vorsitzenden. Für etwa drei Prozent ist die "Demokratische Reform-Partei" (PRD) gut; ihr Generalsekretär Miguel Roca hat allerdings in den Augen der meisten Spanier den Nachteil, Katalane zu sein.

Nicht vorangekommen ist nach den letzten Umfragen die Rechte. Die "Volkskoalition", geführt von Manuel Fraga, der zugleich an der Spitze der Volksallianz (AP) steht, wird ein Viertel der Stimmen erhalten; sie hat es nicht geschafft, vorhandene Unzufriedenheit auszunutzen. Fraga, ein ehemaliger Franco-Minister, erweist sich – wegen seiner politischen Vergangenheit, aber auch wegen seiner Unbeherrschtheit – zunehmend als Belastung.

Vor allem aber hat die Wahlkampagne den Konservativen gezeigt, daß ihre Stärke nur von Francos Gnaden geliehen war; den nötigen Anpassungsprozeß an einen modernen, demokratischen Konservatismus haben sie zu lange hinausgeschoben. Während sie noch glauben, ihn nicht nötig zu haben, bildete sich eine neue politische Klasse heraus, für die González beispielhaft steht: jung, pragmatisch, energisch, vor Ideologien gefeit und selbstbewußt genug, auch Rückschläge einzugestehen. Noch nie waren spanische Unternehmer mit einer sozialistischen Regierung so zufrieden. Horst Bieber